„Mama, du bist mein Zuhause!“

Ich sitze auf der Küchenfensterbank und drücke meine Füße in die ungemähte Wiese. Es geht mir so einiges durch den Kopf. Ich denke daran, dass unsere Väter und Mütter auch mal Kinder waren und unsere Großeltern auch mal so jung waren, wie wir. Ich denke daran, dass mein Kind irgendwann mal ausziehen wird und in den Zwanzigern sein wird, denen ich mich vor der Geburt des Kindes noch so nah fühlte und die inzwischen ferner nicht sein könnten.

 

Füße im Gras, Text: Zuhause

 

Ich bin nicht mehr Anfang 20

Ich höre den Song "oft gefragt" von AnnenMayKantereit in einer Art Dauerschleife und wünschte, ich wäre Raucherin, denn Rauchen würde grade zur Stimmung passen. Der Sänger von AnnenMayKantereit hat eine Stimme, die ist so rauchig, tief und grob, dass ich denken würde, er sei in meinem Alter. Aber wenn man ihn sich anguckt, dann ist es ein schlaksiger junger Mann Anfang zwanzig. Ich habe keine Ahnung, wie alt sie sind die "Jungs" von AnnenMayKantereit, aber 2011 waren sie noch auf dem Gymnasium! 2011 war ich schwanger mit Tiffy und fast 15 Jahre mit der Schule fertig.

Und so singt AnnenMayKantereit von ihrem twenty something Leben und wenn ich dabei zuhöre, dann erinnere ich mich an mein eigenes Studentenleben. Ich frage mich, wie es wohl mit Tiffy sein wird, wenn sie so alt sein wird, wie der Sänger Henning May jetzt. Ich frage mich, wie ich mich dann fühlen werde. Werde ich mich auf fragen, was Tiffy zerreißt? Werde ich mich auch fragen, was ich noch für Tiffy bin? Ich wünsche mir, dass ich für Tiffy auch immer ihr Zuhause sein werde, genau wie die Mutter von Henning May für ihn: "Zuhause bist immer nur du." Erst vor wenigen Wochen hat Tiffy zu mir gesagt: „Mama, du bist mein Zuhause.“ So soll es sein, ich will Tiffys Zuhause sein.

 

Tiffy geht immer noch dahin, wo es wehtut

Es ist wieder mal ein Tag, an dem ich mit Tiffy über den Tod gesprochen habe. Tiffy hat mich nach Wiedergeburt gefragt. Heute in der Kita hat ein älterer Herr erzählt, dass er auch mit den Kindern im Wald spielen wird, wenn er wiedergeboren wurde. "Was bedeutet das, Mama, wiedergeboren?" fragt Tiffy. "Es bedeutet, dass ein Mensch glaubt, dass er nach seinem Tod als Baby wiedergeboren wird. Das glauben viele Menschen." antworte ich. Tiffy denkt nach. "Ist das so wie Maple erzählt hat, dass man wieder aufsteht?" fragt sie schließlich.

Von der Wiederauferstehung hat Tiffy durch Maple erfahren, die wir kürzlich getroffen haben. Maple hat erklärt, dass sie die Wiederauferstehung nicht verstehen kann und sie hat mit Mo darüber gesprochen, dass es den toten Menschen im Himmel jetzt gut geht.

Tiffy macht sich Gedanken darüber, dass ich eines Tages sterben werde. Wieder einmal. "Mama, ich möchte, dass du ganz ganz ganz alt wirst, bevor du stirbst. Geht das?" fragt sie. Ich sage: "Ich kann es nicht versprechen, aber ich hoffe es auch." Tiffy antwortet sofort: "Und wenn du gestorben bist, dann sollst du sofort wieder auf stehen, so wie Maple erzählt hat."

Dann fragt Tiffy mich: "Mama, lebst du eigentlich gerne?" Das ist so eine Frage... Ich wünschte ich könnte sie mit einem klaren und beherzten "Ja" beantworten. Aber so klar und beherzt ist meine Antwort leider nicht: "Ja, schon, Tiffy. Und lebst du gerne?". Tiffy antwortet im Gegensatz zu mir ohne jedes Zögern, beherzt und klar: "Ich lebe sehr gerne und du bist die wunderbarste Mama auf der Welt. Du musst auch gerne leben. Ich hab dich doch so lieb, meine Mama!" Ja, da steht mir das Pippi inne Augen, aber ganz ganz hoch!

 

Spüren, wie die Zeit vergeht

Tiffy schläft ein und ich sitze also auf der Fensterbank und gucke in den sommerlichen Hinterhof, höre "Oft gefragt" und denke daran, dass auch meine Mutter bestimmt solche Momente mit mir hatte, so wunderbare klare Momente, schön, rein und einzigartig. Und ich denke daran, dass auch sie solche Momente mit ihrer Mutter gehabt hat und dass ihre Mutter gestorben ist, als sie noch ein Kind war. Und ich denke daran, wie einsam meine Mutter dann war, weil sie in ihrer Trauer und ihrem Schmerz so allein gelassen wurde.

Ich rufe meine Mutter an und spreche mit ihr über den Tod ihrer Mutter. Wieso hat ihr Vater sie allein gelassen mit ihrem Schmerz? Wieso hat er sie danach ausgeschlossen aus seinem Herzen? Wieso haben sie nicht gemeinsam getrauert? Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, dass da diese schreckliche Entfremdung zwischen ihnen war, besonders schlimm, als sie in die Pubertät kam.

Mein Großvater wusste damals genau, was meine Mutter zerriss. Es war schließlich derselbe Verlust, der auch ihn zerriss. Aber er war nicht für sie da. Er war kein Zuhause. Sie war ein Kind und sie war allein, denn sie hatte niemanden, der ihr ein Zuhause sein konnte. Und wenn ich ehrlich bin, dann hat sich meine Mutter nie davon erholt, dass sie erst ihre über alles geliebte Mutter verloren hat und ihr Vater dann auch noch sein Herz vor ihr verschloss. Nie. Kein Wunder. Es erscheint mir so schwer, kaum zu schaffen, sich davon zu erholen.

 

Schwere Gedanken

Ich mache mir Sorgen. Ehrlich gesagt konnte meine Großmutter ja damals nicht absehen, dass ihr Mann so vollkommen versagen würde nach ihrem Tod. Dass ihr Verlust ihn so stark mitnehmen würde, dass er damit auch seine Fähigkeit verlieren würde ihre gemeinsamen Kinder zu lieben. Sie konnte es nicht ahnen, da bin ich absolut sicher, denn er war vorher ein ganz wundervoller Vater gewesen: liebevoll und engagiert, hingebungsvoll zu seinen Kindern.

Ich bin mir gar nicht so sicher, dass mein Mann es besser schaffen würde. Tiffy ist ein Mensch mit starken Gefühlen. Mein Mann kommt damit besser zurecht, als mein Vater. Aber meistens versucht er lieber sie mit allem möglichen abzulenken, statt sie in ihrem Kummer zu begleiten. Er fühlt sich selbst unwohl, wenn sie traurig ist und will die schlechten Gefühle so schnell wie möglich wegmachen. Ich finde, das sind nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für den schlimmen Fall, dass ich sterbe.

 

Briefe an Tiffy

 

Maiglöckchen, Text: Liebe Tiffy

 

Ich wälze meine Gedanken und es verfestigt sich die Idee: Ich will etwas tun! Ich will für den Fall meines Todes etwas vorbereiten für Tiffy, das sie dann stützen kann. Ich überlege, was ich für mich wohl am besten funktionieren würde. Schließlich fasse ich den Entschluss jeden Monat einen Brief an Tiffy zu schreiben. Einen ganz altmodischen Brief auf Briefpapier und mit der Hand geschrieben, gerichtet immer Tiffy wie sie ist in dem Moment, wenn ich ihn schreibe.

Meine Idee nimmt Fahrt auf. Ich muss zum Schreibwarenhändler gehen und nachfragen, ob ich bei Tinte und Papier wegen der Haltbarkeit etwas beachten muss und wie ich die Briefe am besten lagern sollte, damit sie auch eine lange Zeit gut überdauern. Schließlich ist der Plan immer noch, dass ich erst sterbe, wenn Tiffy selbst schon alt ist.

Vielleicht werde ich Euch ja berichten, wie es sich mit diesen Briefen entwickelt. Vielleicht aber auch nicht.

Wie ist es bei Euch: Fragt Ihr Euch manchmal, wie es sein wird, wenn Eure Kinder ausziehen? Ob sie sich in der Jugend vielleicht von Euch entfremden, weil sie Euch nicht erzählen wollen, was sie zerreißt? Denkt Ihr manchmal darüber nach, wie es Euren Kindern wohl ergehen würde, wenn Ihr sterben würdet? Habt Ihr vielleicht sogar etwas Persönliches für den Fall Eures Todes für Eure Kinder vorbereitet?

Viele liebe Grüße

Eure Esme

 

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Mama will alleine baden - aus dem Drehbuch des Leb...

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