Von ambivalenten Muttergefühlen, Selbstvorwürfen und Fortschritten

Vielleicht wird das ja mein kitschigster Beitrag überhaupt. Oder auch mein selbstkritischster. Es geht um meine große Tochter, der ich vor etwa vier Monaten eine kleine Schwester "angetan" habe, was unsere gesamte Beziehung über den Haufen geschmissen hat. Es geht um meine vielleicht zu sensible Seite und meine fiese Selbstkritik und das ewige Gefühl nicht gut genug zu sein... Aber auch vom Lernen und Zusammenwachsen.

 

 

"Hab ich dir etwas angetan oder freust du dich irgendwann über deine Schwester?"

Ich weiß nicht ob sie mir die Antwort nicht schon selbst gegeben hat, denn sie ist gar keines dieser oberneutralen Geschwister, die sich nicht die Bohne für das Baby interessieren und hassen tut sie sie auch nicht, die meiste Zeit zumindest. Klar gibt es die Momente oder Phasen, in denen sie schreit, ich solle das Baby nicht stillen, oder das Baby störe und solle weg. Die ersten Wochen hat sie sogar ausgiebigst ihre Babypuppen vermöbelt.

Aber ganz oft, immer öfters, kommt die Geschwistersolidarität. "Mama, die Little Pea weint, du musst kommen!" oder "Das ist MEIN Baby!" erwärmen mein Mutterherz. Noch mehr, wenn ich sehe, dass sie sie kuschelt. Manchmal lasse ich beide alleine und sage, sie soll mal kurz aufpassen (ich bin natürlich nur ums Eck, das Baby ist nicht wirklich aufpassungsbedürftig) und wenn ich nachschaue, sehe ich wie sie ihre Schwester mit Ketten drapiert, ihren kahlen Babyschädel streichelt oder sie sogar kuschelt. Sorgen musste ich mir da nie machen, obwohl mir manch einer einreden wollte, Kleinkinder wären eine potentielle Gefährdung für Leib und Leben. Ich denke, das ist absolut förderlich und wenn man unterbindet, dass Geschwister eine Beziehung aufbauen, kann man da echt was kaputt machen.

Und trotzdem denke ich, ich habe ihr vielleicht das Herz rausgerissen. Ihr die Mutter weggenommen. Wenn sie so herzzerreißend heult und schluchzt und um mich kämpft und ich keine Kraft mehr für sie habe oder nur noch genervt bin oder mir denke, verhalt dich nicht wie ein Baby. Und sie schreit mir entgegen "Aber du hast mich doch lieb Mama!" oder "Aber ich bin doch traurig!" Gut, dass sie das macht, denn dann kann ich wirklich nicht mehr anders als sie in die Arme zu nehmen und am Liebsten nie wieder loszulassen...

 

Entfremdung vom eigenen Kind

Kennt ihr das auch oder bin ich da irgendwie gestört - wenn ich sehe, dass meine Tochter (das kann auch schon beim Baby der Fall sein) sehr eng mit einer anderen Person connectet, habe ich das Gefühl, sie ist emotional von mir weggerückt. Manchmal habe ich auch den verrückten Gedanken, dass das gar nicht mein Kind ist sondern nur irgend eines. Oder das der Person, die sie gerade beschmust oder bespielt. Bin ich eine totale Glucke die nur in der symbiotischen Beziehung lebt und dann verrückt spielt wenn jemand anderes ins Spiel kommt? Und nein, ich kann durchaus loslassen, ich will auch loslassen. Manchmal wünsche ich mir mein Kind auch ganz weit weg und endlich mal Zeit für mich allein.

Aber irgendwas ist da, wenn sich jemand gefühlt in die Beziehung hinein drängt, und dadurch, dass ich wegen des Babys kaum noch Zeit mit der Großen verbringen konnte, gab es hauptsächlich Tränen und Trotzanfälle und sonst wenig Schönes. Anfangs war ich total ambivalent über das dynamische Duo Papa und Peanut - froh dass sie einen guten Ersatz hatte, traurig dass ich befürchtete, es würde nie so wie früher werden. Und sie hat megamäßige Entwicklungssprünge geschafft, traut sich viel mehr, ist teilweise rotzfrech geworden, geht auf Fremde zu, jeden Tag entdecke ich Neues an ihr. Ich bin so stolz auf sie und habe gleichzeitig Angst, dass sie mich nicht mehr so lieben wird, weil sie mich ja nicht mehr braucht...

 

Zwischen Frustration und Selbstvorwürfen

Ich hatte es schon angedeutet - es kommen zum einen altersbedingt, zum andren durch die Entthronung massive Wutanfälle und Brüllarien, teilweise alle fünf Minuten über Stunden hinweg, sodass ich nur noch reagieren kann und der Tag ein einziger Horror ist für alle Beteiligten. Oft sind auch die Nächte richtig fies; sie weckt mich stündlich, hat Alpträume, will kuscheln, weckt mich mit wütenden Schreien oder ist direkt mal mindestens eine Stunde lang wach oder gar länger. Papa hilft da natürlich gar nichts, alles muss immer von mir geregelt werden.

Dieses Kind fordert mich manchmal bis an die Grenzen meiner Selbstbeherrschung, und ich könnte vor Scham im Boden versinken, wenn ich daran denke, wie ich dann reagiere. Vielleicht nicht minder kindlich als sie. Schreien, Brüllen, Toben. Aus egozentrischem Antrieb heraus, wieso kann ich nicht wenigstens mal kurz meine Ruhe haben, wieso sind meine Bedürfnisse total nebensächlich... und ich komme mir vor wie die schlimmste Mutter der Welt, habe Angst davor, ihre Liebe zu verlieren oder sie einfach nicht mehr zu verdienen. Hinterher entschuldige ich mich natürlich - ohne um Verzeihung zu bitten, denn das würde ihr ja Verantwortung aufbürden. Das schlechte Gewissen bleibt und der Wunsch, mich einfach besser unter Kontrolle zu haben. Perfekter zu sein. Die Mutter zu werden, die ich sein will und nicht sein kann.

 

Überwältigende Liebe 

Die gibt es und das ist so unglaublich gut. Wenn es ganz schlimm ist, der ganze Tag ein einziger Tornado aus Wut und Tränen, dann spätestens dann, sobald sie schläft. Aber so langsam glätten sich die Wogen und wir werden wieder mehr ein Team - überraschenderweise ist es meist auch am Besten, wenn wir alleine sind, also ohne Papa oder andere Verwandte und Freunde. Nur sie, ich und das Baby. Ja es gibt auch sehr schwierige Situationen, aber wir gewöhnen uns alle aneinander und vielleicht liegt es daran, dass sie merkt, dass ich darauf angewiesen bin, dass sie mir hilft. Dass ich nicht die Haltung habe, der Papa kann doch mal dies oder jenes regeln, sondern dass ich permanent für sie da bin, auch wenn ich nicht viel für sie tun kann.

Sie lernt, meine Aufmerksamkeit zu teilen, sie über positive Aktionen zu erhalten. Ich lerne, sie einzubinden, ihr zu vertrauen, sie mehr selbst machen zu lassen, sie weniger zu kontrollieren. Manchmal sehe ich Ein - Kind - Eltern und bin verwundert, wie viel strikter die sind. Ich lasse meine Tochter so bekloppte Sachen machen wie auch bei schlechterem Wetter barfuss umher laufen oder selbst entscheiden, ob sie eine Jacke braucht. Zum einen weil sie echt einen Dickschädel hat (und ich weiß dass sie es einsieht wenn sie friert) und zum andren weil ich auch nicht anders kann; mit heulendem Baby rennt man nicht mehr wegen jedem Scheiß hinter dem Kind her. Man akzeptiert viel mehr und hofft einfach dass es schon klappt. Und das tut es tatsächlich meistens.

Alles wird gut. Und die guten Momente muss man sich im Herzen speichern wenn es mal wieder schlechter läuft.

Wie sollte ich den Tag nur ohne Matratze schaffen....
Mama und Papa im Dauerclinch - wer leidet am meist...

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