Me and my smartphone – ein Ende mit Schrecken?

Sag mir, wie weit, wie weit, wie weit, wie weit, wie weit kann ich gehen? Nach meiner ultimativen Lobhudelei auf den Inhalt meines Smartphones, zu der ich nach wie vor stehe, muss ich heute ein Update liefern, weil es in mir arbeitet, brodelt, kocht und übergelaufen ist. Vorab: Mir geht es nicht um Medienerziehung, Nutzungsdauern, kindgerechter Serienauswahl oder gar eine Verteufelung von Smartphones an sich. Überhaupt nicht.

 

 

Es ist wie immer: Wenn ich ehrlich bin, arbeitet es schon länger in mir, an zig Baustellen, aber ich komme im Alltag nicht dazu gestehe mir nicht zu, da wirklich hinzugucken, wo es weh tut. Dann kommt ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und die Flut wirft mich um.

 

Mein Leben, meine Regeln? Nein.

Schon in meinem früheren Artikel steht fast alles drin, was immer noch aktuell ist, aber der Fokus hat sich verschoben, ich habe den Bogen überspannt. Ich hab etwas Angst, das zu schreiben, weil ich mich vor Kommentaren fürchte (die nur allzu berechtigt wären). Und weil ich nach der Diskussion auf Twitter über diesen Text schon das Gefühl habe, dass Ihr das alle wesentlich besser handhabt und steuern könnt und Euer Smartphone in einem Ausmaß nutzt, den Ihr reflektiert richtig findet. Ich finde es bei mir eigentlich zu viel. Ich halte mich nicht an meine eigenen Regeln, ich reiße die Gurken Grenzen meiner Kinder, da bin ich mir ziemlich sicher.

Und warum? Ich bin ganz bei Euch: Das Smartphone ist heute einfach wesentlicher Bestandteil der Lebenswirklichkeit, eine Folge der Globalisierung, und zwar eine positive, weil es möglich ist, sich zu vernetzen, Kontakte zu knüpfen. Vieles, was früher dem Nahbereich vorenthalten war, hat nun einen wesentlich größeren Radius, und um sich darin nicht vollends zu verlieren, kann man sich bei Menschen, auch wenn sie weiter weg sind, andocken. Und das ist gut so. Ich bin so dankbar für Euch.

Ihr tut mir gut. Und da ich im Familiengefüge nicht weniger wert bin als meine Kinder, habe ich das Recht, für mein Wohlergehen zu sorgen. Ja, es ist sogar meine Verantwortung. Denn auch da habt Ihr Recht: Kindern geht es besser, wenn es ihrer Mama gut geht, als wenn es ihr schlecht geht.

 

Kein Smartphone beim Essen …

Aber ich habe Regeln. Beim Essen zum Beispiel will ich kein Handy sehen. Als Außenstehende ist das für mich immer noch klarer zu sehen: Sitzen wir zu viert am Tisch, und Karl guckt auf sein Handy (was er fast nie tut), könnte ich platzen. Wenn ich eines hasse und wirklich verletzend finde, dann, dass mir jemand nicht richtig zuhört. Karl kann das teilweise ganz gut (d. h. er kann gut fokussieren, bekommt dann eben nur eine Sache mit, wohingegen ich vieles gleichzeitig mitbekomme), und (nicht mangelnde mangelnde) Aufmerksamkeit ist einer der Knackpunkte für unsere. Wir sind für manche vielleicht deshalb als Paar positiv besetzt, weil wir einander sehr, sehr, sehr viel Aufmerksamkeit schenken. Das ist anstrengend, aber was man dafür bekommt, ist grandios. Ich tu das nicht strategisch, ich bin einfach so, was Fluch und Segen zugleich ist. Ich beteilige mich emotional überhaupt sehr schnell. (Andere Baustelle.)

Diese Regel „kein Handy am Tisch“, die nun wirklich sehr überschaubar ist, beginne ich seit einiger Zeit zu brechen. Und zwar umso mehr – das schreibe ich jetzt unter Tränen, weil ich mich so sehr dafür verachte – je überlegener ich meinem Tischnachbarn oder meiner Tischnachbarin bin. Sitzt Karl dabei, tu ich es nicht. Ich bin ja nicht blöd. Ich will das ja selbst nicht. Ist es aber nicht Karl, sondern Maple, passiert das schon öfter. Vielleicht denke ich unbewusst: Sie wird sich schon melden, wenn sie das stört. Aber ist das ihre Aufgabe? Kann ich das von ihr verlangen? Manchmal, nicht beim Essen, sondern sonst, wenn meine Kinder nur noch anstrengend sind (in meinen Augen), und ich weiß überhaupt nicht, was denn jetzt schon wieder ist, denn eigentlich müsste doch alles gut sein, frage ich Coco: „Soll ich das Handy wegtun?“ Und dann bricht es aus ihr raus, und sie antwortet halb weinend, halb schreiend, mit der Erleichterung, endlich verstanden worden zu sein: „Ja!“

 

 

… oder doch

Zurück zum Essen. Also meine Hemmschwelle ist bei Karl höher als bei Maple. Und bei Coco ist sie vollends eingerissen. Mittags esse ich mich Coco alleine, und ich missbrauche meine Macht der Überlegenheit, habe fast immer das Handy dabei. Warum? Weil ich denke: Ach, sie isst ja jetzt eh, da ist sie ja beschäftigt. Als ob es ums Essen ginge. Es geht auch nicht um ungeteilte Aufmerksamkeit, sondern um Präsenz, um Beziehung, um die Botschaft: Ich bin ganz da. Ihr werdet mir zustimmen, dass es einen Unterschied macht, ob man mit acht Leuten am Tisch sitzt, und man unterhält sich, und zwar nicht die ganze Zeit mit dem Kind, oder ob man zu zweit am Tisch sitzt, und die Überlegene starrt in ihr Handy, während sie eigentlich ihrem Kind ein gutes Gefühl zum Essen vermitteln will. Na das kann ja nur sehr erfolgreich sein. Nicht.

Maple ist so eine gute, genussvolle, nicht wertende Esserin, Lebensmittel sind für sie gleichwertig, egal ob Gurke (eine ganze am Stück) oder Fruchtzwerg. Coco hingegen interessiert sich für immer weniger, fast nur noch für Schokolade. Selbst die exzessiven Avocado-Zeiten sind eher vorbei. Ich möchte lieber an dieser Stelle nicht weiter denken, was das mit meinem eigenen Verhalten zu tun hat.

 

Viel verlangt: Kuscheln oder lasst mich in Ruhe

Und außerhalb der Essenszeiten? Wenn ich ganz ehrlich bin, und auch das ist wieder selbstwertbedrohlich, gibt es zwei Idealvorstellungen von mir, wie ich Zeit mit meinen Kindern verbringe. Erstens: Es ist eine unglaubliche Nähe da, wir kuscheln, ich stille Coco, und sie stillt dabei mich. Stillen zentriert mich total. Als Herzbauchwerk das in einem Gastbeitrag bei Motherbirth geschrieben hat, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Warum Stillen auch so schön für mich ist. Es ist nicht nur diese Explosion von Nähe, Liebe und Verbundenheit, Urvertrauen, Geborgenheit und Fürsorge. Es ist auch die Tatsache, dass nichts anderes mehr zählt in dem Moment. Die Welt könnte untergehen um uns herum, ich würde es kaum bemerken. Das wiederum stillt ein solches Bedürfnis von mir, dass es vor Glück fast weh tut. In dieser Mamawelt, meiner Mamawelt, in der ich mich ständig zwischen gefühlt 237 Anforderungen zerreißen muss und ich es deshalb auch nicht schaffe, auf meine Bedürfnisse zu achten (außer aggressiv, wenn ich schon unter die Räder gekommen bin), bin ich während des Stillens nur  -- da.

Der zweite erstrebenswerte Zustand mit Kindern, und da wir leider nicht dauernd Nähe zelebrieren, ist das der quantitativ bedeutendere, ist der Zustand von sich selbst beschäftigenden Kindern. Entweder so, dass sie einfach nur glücklich sind, und auch ich das Glück kaum begreifen kann. Ich erinnere mich daran, als Maple das erste Mal in ihrem Leben auf einem Wasserspielplatz war, mit zwei. Ich saß hochschwanger auf dem Rand des Sandkastens, sah ihr zu, wie sie nicht wusste wohin mit ihrer Begeisterung, und rief immer nur: „Ist das schön! Ist das schön! Oh mein Gott, ist das schön!“, während irritierte Mütter mich skeptisch betrachteten. Ich hatte keine Wechselsachen, es waren 20 Grad, und Maple war klatschnass von oben bis unten. Ich hab ihr dann hinterher, wiederum skeptisch beäugt, mein Shirt angezogen und bin halbnackt nach Hause gefahren.

Diesen Flow von Kindern, die sich selbst beschäftigen, gibt es natürlich eher bei solchen Wahnsinnsattraktionen, die man zum ersten Mal sieht, als im heimischen Kinderzimmer. Da wollen sie ständig was von mir, sind unzufrieden, gelangweilt (zu dieser produktiven Langeweile sind wir irgendwie noch nie gekommen, vorher eskaliert es immer). Und mein einziger Fokus: Wann beschäftigen sie sich endlich selbst? – ah, super! Jetzt. Zack, Handy raus. Nach zehn Sekunden: Weinen, Mama, irgendwas klappt nicht, irgendwas ist doof usw. Ich bin da, warte wieder, dass es alleine geht – juhu, zack, Handy raus. Ich beobachte mich auch selbst oft, wie ich auf dem Kinderzimmerboden liege, Coco versucht, mit mir Maples Gesellschaftsspiele zu spielen (das tut sie am liebsten derzeit), und bin dabei am Handy.

Warum kann ich nicht einfach mit meiner Tochter spielen? Wozu habe ich überhaupt Kinder bekommen, wenn ich immer nur meine Ruhe vor ihnen haben will?

 

 

Fluchtgedanken unter Stress

Der Blick ins Handy ist für mich eine Flucht aus diesem Leben, das mich unter- und überfordert. Kurioserweise suche ich die Nähe zu Eltern. Denen es genauso geht. Man ist in derselben Situation, man versteht einander, es erweitert den Horizont und ist inspirierend zu sehen, wie das andere machen, was bei ihnen so los ist, welche Baustellen sie haben usw. Mir fehlt es gewaltig, Anteil am Leben anderer zu nehmen (die in einer ähnlichen Situation sind), und zwar auf Erwachsenenebene. Das heißt keineswegs, dass es nicht um Kinder gehen darf. Im Gegenteil. Aber es ist doch einfach ein Unterschied, ob ich mich mit Eltern über die Haltung „Unerzogen“ unterhalte oder mit meiner Tochter darüber, dass sie jetzt dreimal würfeln darf. Es erfüllt mich anders.

So, natürlich steht mir dieser Erwachsenen-Austausch zu. Wo also ist das Problem? Ich habe das Gefühl, ich muss mir diese Zeit dafür erkämpfen. Und immer kämpfen ist anstrengend. Und es geht auf Kosten meiner Kinder. Denn sicher ist es auch für sie nicht schön, wenn ich nicht ganz bei ihnen bin, sondern nur halb. Juul schrieb in seinem Artikel von dem Zustand, dass Kinder ihre Eltern vermissen, obwohl sie anwesend sind, und das traf mich wie der Schlag. Genau so wird es bei uns sein. Sicher geht es meinen Kindern auch so. Und wenn sie da nur halb so empfindlich sind wie ich, ist es schon schrecklich genug. Warum tu ich ihnen das an, wo ich doch selbst weiß, wie verletzend das ist?

Weil ich das natürlich weiß, versuche ich zu multitasken. Ich versuche, alles mitzubekommen, was bei den Kindern gerade passiert, ganz für sie da zu sein und dabei trotzdem noch zu twittern. Es gelingt mir (?). Aber es ist unglaublich anstrengend. Ich belaste mich selbst mit der Gleichzeitigkeit von Dingen, die mir doch so zusetzt. Oder ist es das Gefühl: Wenn ich sowieso fünf Dinge gleichzeitig mitbekommen muss, dann soll wenigstens eine davon für mich sein? Schön ist das nicht. Auch Twittern mit Halbaufmerksamkeit ist nicht schön. Aber mehr Zeit habe ich nicht. Klar ginge es abends. Schließlich ist Coco so gegen 10 oder 11 im Bett. Haushalt geht dann halt nicht mehr, und sich mal mit Karl unterhalten auch nicht. Also mal wieder auf Kosten des Schlafs, und ich weiß, dass mir das nicht gut tut. Ich will einfach mehr Zeit, aber ich habe sie nicht.

 

Wenn Real Life erfüllt

Exkurs: Diejenigen von Euch, die mich im Real Life erleben, werden feststellen, dass ich gar nicht ständig am Handy hänge. Währenddessen merken vielleicht andere in meiner Timeline, dass ich zeitgleich auffallend ruhig bin. Das liegt daran, dass ich erfüllt bin. Mein Bedürfnis nach Kontakt und sozialem Austausch ist gestillt. Ich brauche mein Handy nicht. Ich empfinde es sogar als ziemlich unangenehm, es zur Hand zur nehmen. Als unhöflich. Weil die persönliche Begegnung viel mehr wert ist. (Offenbar außer die mit meinen Kindern.) Natürlich interessiert mich trotzdem noch, wie es den anderen in meiner Timeline gerade geht. Aber ich bin fokussiert aufs Real Life, und das macht etwas mit mir: Es gelingt mir dann, Prioritäten zu setzen, nicht zu multitasken, einfach nur da zu sein. Und das andere muss warten. Das zeigt auch noch mal: Das Smartphone ist eigentlich nicht mein Problem. Ich bekomme keine Spiegel-Eilmeldungen, spiele nicht Quizduell, surfe nicht quer durchs Netz. Ich suche nur den Kontakt zu den Menschen. Vielleicht weil ich mich im Alltag ziemlich einsam fühle. Ich fühle mich übrigens genauso einsam mit Müttern auf dem Spielplatz. Weil ich das Gefühl habe, die verstehen mich nicht, die haben eine ganz andere Lebenswirklichkeit.

 

Was dahinter steckt – Warnsignal

Nächste Baustelle: Die Menge. Handy ist ja ok, aber dauernd? Twitter ist ja ok, aber so viel? Ich folge schon nur so wenigen Menschen, und trotzdem kann ich nicht mal meine sehr reduzierte Liste verfolgen. Wenn es mir wenigstens reichen würde, bei Euch mitzulesen. Aber nein, ich muss ja auch immer gleich ins Gespräch einsteigen. Ja, weil Twitter für mich Interaktion ist. Wenn ich mich mit Menschen verbinde, dann konsumiere ich doch nicht, sondern dann gehe ich eine Beziehung ein. Dann möchte ich teilhaben, mich mitfreuen, mitverzweifeln, Feedback haben und geben. Gut, auch geschenkt. Vielleicht sollte ich dann einfach nicht selbst so viele Tweets absetzen. Denn das potenziert sich ja auch. Dann gibt es Reaktionen, auf die ich wiederum reagiere. (Was mir gefällt.) Warum habe ich so ein „übersteigertes Kommunikationsbedürfnis“ (O-Ton Mutter)? Warum so ein immenses Mitteilungsbedürfnis, warum so ein großes Bedürfnis, Dinge, ich erlebe, zu teilen? Warum kann ich nicht einfach durch die Welt gehen und Dinge alleine verarbeiten? Warum muss ich jeden noch so irrelevanten Scheiß twittern?

Vielleicht weil ich das Gefühl habe, es interessiert endlich jemanden. Das ist jetzt Spekulation. Aber sagen wir mal, das sei der Grund. Warum berührt es mich, wenn sich andere Menschen dafür interessieren, was mich bewegt? Weil ich dieses Gefühl aus meiner Kindheit und Jugend nicht kenne, und das sitzt tief. Als ich mir noch einbildete, eine großartige Sängerin zu sein, waren meine Eltern immer die, die nicht zur Aufführung kamen. Als ich nicht draußen auf Bäume klettern wollte, sondern stattdessen lieber Gedichte und kleine Bücher schrieb, wurde es belächelt. Als ich mit 13 auf dem Fensterbrett saß im Hochhaus, war der Kommentar meiner Mutter: „Du guckst zu viel Fernsehen.“

Und wenn diese Erfahrungen nun damit zu tun haben, dass es für mich heute wie ein Rausch ist, mich mitzuteilen – und es trifft auf Resonanz, sodass ich ständig twittere, weil das mein Bezug zur Außenwelt ist, den ich im RL nicht habe –, und wenn ich aus diesem Grund meinen Kindern ständig Aufmerksamkeit entziehe, die sie brauchen und die sie einfordern und erbitten – wisst Ihr, was das bedeutet? Genau. Ich mache genau dasselbe wie meine Eltern. 

Ich will eine heile Welt, verdammt!
Strategien gegen Erschöpfung im Alltag - Das sagen...

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