Mein inneres Kind schreit ganz laut

Ich mag mich gerade selbst überhaupt nicht. Die Erklärung dafür finde ich glaub ich ganz weit zurück, in meiner frühen Kindheit, als ich so alt war wie mein erstes Kind jetzt. In diesem Alter verfestigt sich so viel in den Köpfen der Kinder, sie lernen, speichern ab und ahmen nach. Und heute als Mama kommt das scheinbar raus, was ich früher von meinem Vorbild abgeguckt habe, von meiner Mama. Meine Großeltern spielten auch eine große Rolle, aber auch hier war nicht alles rosig und ihre Erziehung war alles andere als kindorientiert. Man musste brav sein, um das zu bekommen, was man wollte ("Wollte" durften wir nicht sagen, denn "Kinder, die was wollen, kriegen was vor die Bollen"). Was für ein schwachsinniger Satz, aber ich habe ihn sehr oft gehört und manchmal/ viel zu oft wurde er wahr gemacht, sowohl von meiner Mutter als auch von meinen Großeltern. 

 

"Wunden auf meiner Seele" - Bildrechte: anonym


An meine frühe Kindheit habe ich keine bewussten Erinnerungen. 

Vielleicht aus gutem Grund? Vielleicht damit mein Gedächtnis mich vor dieser schrecklichen Erinnerung schützt? Was ich aus Erzählungen weiß, ist, dass mein Vater meine Mutter regelmäßig verprügelt und eingesperrt hat, teils alkoholisiert und auch vor uns Kindern, sogar so weit, dass sie sich umbringen wollte. Sie hat es uns Kindern zu Liebe nicht gemacht, sondern ist nachts abgehauen. Auch von ihren Eltern wurde meine Mutter körperlich bestraft, und das mit viel mehr als "nur" einer Ohrfeige. Sie war die älteste Tochter und wurde total mit eingespannt, um ihre Geschwister zu versorgen und wurde auch für alles verantwortlich gemacht. Deshalb mache ich ihr nur bedingt Vorwürfe. Wie soll jemand, der nichts anderes als Gewalt in seiner eigenen Kindheit und sogar als Erwachsene erlebt hat, etwas Anderes weitergeben an die Kinder?

Das geht nur, wenn man sich das bewusst macht (ggf. mit einer Therapie oder ganz viel Selbstdisziplin), um die eigenen Kinder nicht auch zu schlagen. Das hat meine Mama nicht geschafft und auch ich wurde geschlagen. Als kleines Kind weiß ich es nicht mehr, ob das da so war, aber als Teenager, als ich eine richtig große Klappe hatte (normal in dem Alter, oder?) und gemacht habe, was ich will, weil ich zu wenig Respekt vor meiner Mutter hatte (zurückblickend betrachtet tut mir das sehr leid, dass ich sie so wenig geschätzt habe).

Da der Kontakt mit meinem Vater schwierig war und wie meine Mutter mir später erzählte, ich Angst vor ihm hatte und ihn nicht sehen wollte, wurde ein psychologisches Gutachten über mich erstellt, in dem stand, dass ich "mich wie eine kleine Erwachsene verhalte". Wenn ich das heute lese, kommen mir die Tränen. Ich habe das Gutachten irgendwo, aber ich traue mich nicht, es ganz zu lesen, weil es so viel aufwühlt. Dieser eine Satz ist mir in Erinnerung geblieben. Warum war ich wie eine kleine Erwachsene? Vielleicht aus Angst, dass ich sonst Ärger oder Schläge bekomme? Vielleicht, weil ich dachte, dass ich Schuld daran bin, dass meine Mutter von meinem Vater geschlagen wurde? Ich war ja nicht geplant und ohne mich hätte es viele Streitigkeiten zwischen meinem Vater und ihr sicherlich nicht gegeben.

Eine Situation wurde mir später erzählt, dass sie sich zum Beispiel über das Füttern gestritten haben. Mein Vater hatte mich auf dem Arm und er wollte mich füttern, was meine Mutter nicht wollte, weil er Alkohol getrunken hatte. Irgendwann hat er mich durch den Raum geworfen zu ihr und gesagt "Hier hast du sie". Wie ein Gegenstand wurde ich durch's Zimmer geworfen und ich war der Grund für diesen Streit. Sowas macht doch eine kleine Kinderseele kaputt, oder? Und meine Mutter blieb bei ihm, bis dass ich 2,5 Jahre alt war. Vielleicht will ich gar nicht wissen, was ich noch alles mitbekommen habe und was mit mir gemacht wurde?


Ich möchte meine Kinder vor Negativem schützen

Heute, wenn mein Mann und ich uns streiten (was natürlich überall mal vorkommt), zerreißt es mich innerlich und ich weine deswegen, weil meine Kinder das mitbekommen. Wir streiten uns nicht so wie meine Eltern früher, sondern es sind einzig und allein Worte und Missverständnisse und trotzdem erinnert mich das wahrscheinlich alles unterbewusst an früher, wie ich mich als Kind in der Situation gefühlt habe. Und gleichzeitig sitzt da mein Kind und bekommt das mit und versteht das alles gar nicht und bezieht das Ganze vielleicht auch auf sich.

Ich habe das nie gewollt und will es nicht, dass meine Kinder so etwas jemals mitbekommen. Es ist aber so, dass sie es mitbekommen, weil es sich eben nicht immer vermeiden lässt, denn auch Eltern sind nicht immer einer Meinung. Daran ist ja auch erstmal nichts Schlimmes, denn auch Kinder erleben ja, dass sich Erwachsene und auch Kinder mal streiten. Das sind ja auch Erfahrungen, die sie brauchen, denke ich. Wichtig ist ja, dass man sich wieder verträgt und auch das bekommen sie bei uns mit. Deshalb ist es wahrscheinlich gar nicht so schlimm, dass sie auch Streit mitbekommen. Aber diese vielen kleinen Wunden auf meiner Seele machen es wahrscheinlich für mich so dramatisch.


Bin ich das wirklich? 

Dass mein großes Kind gerade in dem Alter ist, die Grenzen auszuprobieren und mich damit an meine Grenzen bringt, macht mir Angst vor mir selbst und der Zukunft. Ich bin nicht immer so zu meinen Kindern, wie ich sein wollte. Sie sollen liebevoll aufwachsen und ich will alles besser machen als ich es erfahren habe. Und doch schaffe ich es nicht immer. Ich schlage sie nicht und das würde ich auch niemals tun, weil ich selbst weiß, wie das ist (sowohl von meiner Mutter als auch vom Partner, das hab ich beides erlebt). Aber ich bin manchmal ungerecht zu ihnen, unfreundlich, schreie, schimpfe und das alles, obwohl mir im Nachhinein andere Wege einfallen, wie ich es viel liebevoller hätte lösen können. Das macht mich fertig.

Ich liebe meine Kinder so wie sie sind. Ich möchte ihnen diese Liebe zeigen, auch wenn sie sich nicht so verhalten, wie ich es vielleicht erwarte. Warum überhaupt etwas erwarten? Sie sind so tolle Kinder und größtenteils kooperieren sie wirklich sehr gut. Aber wenn sie wirklich mal nicht so mitmachen, wie es vielleicht gerade sein sollte, weil sie etwas anderes möchten als ich, dann weiß ich mir nicht anders zu helfen als lauter zu werden, ungeduldiger zu werden und auch zu schimpfen. Das hasse ich so sehr und ich will das nicht, aber es kommt dann einfach so raus, so sehr ich es mir vorher vornehme.

Ich habe Angst, dass meine Kinder dadurch ihr Verhalten so anpassen, damit Mama zufrieden ist und dann vielleicht auch nicht mehr Kind sind, um mir zu gefallen (so wie ich es früher gemacht habe). Ich will ausbrechen aus diesem Kreis und ein viel besseres Vorbild sein als meine Mutter mir war. Denn auch sie hat uns so oft angeschrien, dass man es nicht nur vor dem Haus, sondern manchmal auf der ganzen Straße hören konnte. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, weil sie es nie anders gelernt und vorgelebt bekommen hat.

Ich will mir aber anders zu helfen wissen und ich will ein gutes Vorbild für meine Kinder sein. Deshalb habe ich vor einiger Zeit eine Gesprächstherapie gemacht und führe mir auch immer wieder vor Augen, dass ich meine Kinder nie, nie, nie schlagen werde. Ich weiß, dass es ein sehr wichtiger Schritt war, der zu vielen guten Erkenntnissen geführt hat. Ich hoffe es so sehr, vor allem für meine Kinder. Sie sollen eine gesunde Seele haben ohne Wunden, ohne Schuldgefühle und mit viel Selbstbewusstsein, also all das, was ich nicht habe. 


Harte Vorwürfe - Hass und doch Liebe?

Der Kontakt zu meiner Mutter ist wahrscheinlich aus diesem Grund so schwierig. Kann man jemanden hassen und lieben gleichzeitig? Ich hasse sie wirklich für das, was ich als Kind alles mitbekommen musste. Warum ist sie so lange bei ihm geblieben und nicht schon beim ersten Anzeichen der Schläge abgehauen? Warum musste ich das 2,5 Jahre mit ansehen und erleben?  Ich weiß, sie hat immer gehofft, dass er seine Versprechen hält und das nie wieder macht. Warum hat sie uns mit Hilfe von Gewalt erzogen? Und gleichzeitig hasse ich mich selbst für den Hass ihr gegenüber? Sie hat das doch nicht verdient. Sie hat niemanden, sie ist krank und allein. Ich breche den Kontakt nicht ab wegen den Kindern, denn ich möchte, dass sie guten Kontakt zu ihrer Oma haben und ich möchte nicht, dass sie ganz allein da steht, wo sie sich doch nur aufgeopfert hat für uns und für uns nur das Beste wollte.

Und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr das Leben als Jugendliche wirklich schwer gemacht habe, obwohl sie es so schon nicht leicht hatte als Alleinerziehende? Heute möchte ich ihr das zurückgeben, was ich ihr damals nicht geben konnte: Respekt und Dank, dass Sie trotz all dieser Schwierigkeiten für uns da war. Sie hat das Beste daraus gemacht und hat gut für uns gesorgt. Und doch weiß ich, dass durch die ganzen schlechten Erlebnisse in meiner Kindheit viel kaputt gegangen ist bei mir. Es fällt mir sehr schwer, Menschen zu vertrauen und vor allem an mich selbst zu glauben. Ich trage Schuldgefühle mit mir herum, dass ich nicht wertvoll bin und anderen nur eine Last! So wie ich bin, kann man mich doch nicht mögen. Das kommt sicherlich aus irgendwelchen Sätzen, die ich als kleines Kind immer gehört habe und so tief verinnerlicht, dass ich sie heute selbst glaube. 

Mein inneres Kind weint, wenn ich mich in meine Kinder hineinversetze, wie es ihnen wohl in diesen teils schwierigen Situationen geht, in denen ich nicht die Mama bin, die ich sein wollte. Und dieses innere Kind, das so verletzt ist durch meine eigenen schrecklichen Erfahrungen, Erlebnisse und auch Erzählungen, hilft mir dabei, eine bessere Mama zu sein, meine Kinder zu stärken und dafür zu sorgen, dass sie eine hoffentlich bessere Zukunft haben.

Es gibt mir die Kraft, mich bei meinen Kindern zu entschuldigen, für meine Fehler einzustehen und ihnen zu erklären, dass ich gerade nicht richtig gehandelt habe. Dadurch schaffe ich Vertrauen gegenüber meinen Kindern und hoffentlich eine bessere Beziehung zu ihnen, die ein Leben lang hält, ohne dass sie mich irgendwann hassen.

Ihr inneres Kind soll unbeschwert wachsen können und wenn sie selbst mal Eltern sind, soll ihnen dieses innere Kind ein Lächeln auf's Gesicht bringen in Erinnerung an die eigene Kindheit. Die wahrscheinlich härteste Aufgabe, die ich jemals in meinem Leben zu bewältigen habe! 

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