Meine nächtlichen Beschützer

"Warum muss das sein?" fragt meint Vater, nicht wütend, nicht laut, jedoch sichtlich ratlos. Ich starre ihn stumm an, und meine Augen sind weit aufgerissen - um die anbrandenden Tränen zu unterdrücken. Er zuckt die Schultern, genervt jetzt, verlässt mit einem "wie du meinst" den Raum, grußlos, er schaltet das Licht aus. Es ist Schlafenszeit.

 

 

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Ich bin etwa vier Jahre alt, und Stein des Anstoßes sind die zahlreichen Stofftiere, die des Abends mit mir ins Bett müssen. Ja, müssen: sie sitzen säuberlich auf der Bettkante, an der Wand entlang aufgereiht, ordentlich zugedeckt - jeder bekommt sein Küsschen vorm Einschlafen. Da ist der Teddy, der irgendwie zu schielen scheint, die Robbe mit der Knickflosse - ich habe ein besonderes Faible für die beeinträchtigten Stofftiere, für die, die sonst keiner haben will. Ich selbst quetsche mich auf den verbleibenden Platz und schlüpfe unter den Deckenrest - meist wird mir kalt, und früher oder später falle ich aus dem Bett. Doch das ist mir egal: das Schicksal meiner Stofftiere liegt mir deutlich mehr am Herzen als mein eigenes. Und manchmal weine ich; weine, weil ich das Gefühl habe, sie nicht alle gleich lieb haben zu können. Weine vor Angst, mal eines hergeben zu müssen oder zu verlieren.
 
Die vierjährige Friederike verspürte ihren Stofftieren gegenüber eine Verantwortung, die ich aus meiner heutigen Sicht als extrem bezeichnen würde. Als Kind ging ich nicht zu Bett, wenn ich müde war, sondern zu einer von den Eltern festgesetzten Uhrzeit; im Zimmer musste völlige Dunkelheit herrschen - nur dann könne man gut schlafen, davon war meine Mutter überzeugt. Das Konzept Nachtlicht oder zum Flur hin offene Tür empfand sie als verweichlichend und "das geht ja dann nie ohne". Nicht selten lag ich abends wach, mit offenen Augen und in völliger Dunkelheit. Vor meinen Augen sah ich ein Flimmern, bunte wabernde und fliegende Punkte, die sich ballen und die absonderlichsten Formen bilden konnten.
 
Vor Spinnen hatte ich besonders grosse Angst, hatte meine Grossmutter mir doch erzählt, die könnten beissen - und was, wenn nun, jetzt, gerade in diesem Moment, eine über mein Kissen krabbelte? Ich würde sie ja nicht sehen können! Die flimmernden Punkte in der Dunkelheit formierten sich zu einer riesigen Spinne mit grässlichen Beinen, und ich fuhr mit rasendem Puls und Angst im Herzen im Bett auf. Ich entschied mich dazu, die Spinne zu überlisten und die Füße aufs Kopfkissen zu legen. Irgendwann schlief ich ein, zumindest ein Stofftier umklammernd und verkehrt herum im Bett. Meine Eltern fragen sich bis heute, weshalb ich so oft mit dem Kopf am Fußende schlief.
 
Meine Stofftier-Armada beschützte mich in diesen Situationen, in den langen Nächten. Sie blieben bei mir, wenn sonst jeder mich verlassen hatte. Sie hatten mich auch dann lieb, wenn ich mich albern verhielt und "vor nichts" Angst hatte. Denn in solchen Situationen Unterschlupf im Bett meiner Eltern zu finden war nicht möglich - ich hatte es natürlich versucht, wurde jedoch zurück- - nein, nicht gebracht; geschickt. Taperte über den Flur mit gesenktem Kopf, mit Tränen in den Augen und klopfendem Herzen, zurück zu meinen Stofftieren, die mich erstaunt fragten, weshalb ich schon wieder da sei. Die mich trösteten, weil Mama und Papa gesagt hatten, sie wollen wenigstens nachts ihre Ruhe vor mir haben.
 
Ein Leben ohne meine Stofftiere konnte ich mir nicht vorstellen, der Gedanke daran versetzte mich in Panik. Und bis ins Erwachsenenalter hinein konnte ich mich von diesen Lieblingen nicht trennen - erst jetzt dämmert mir, warum das so war. Wenn meine Eltern anmerken, dass meine Kinder "ja wohl gar nicht an ihren Puppen und Stofftieren hängen". Wenn ich in einem Online-Forum Fragestellung und Lösungsansätze verfolge, wie man "ein Kind an sein Stofftier gewöhnt, damit es endlich alleine schläft". Und ich spüre einen Kloß im Hals, körperliches Unwohlsein und unendliches Mitgefühl mit diesen Kindern, die ich nicht kenne. 
 
Heute schwingt sich in der Mehrzahl der Nächte früher oder später ein Kind über meine Bettkante ("Ich. Will. Kuscheln."), bewehrt mit kleinem Kuschelkissen ("Für dich, Mama."). Ein Kind, das mir mein eigenes Kissen klaut, sich diagonal ins Bett legt, mir seinen wuscheligen Hinterkopf ins Gesicht drückt und endlos strampelt, bis es die perfekte Position gefunden hat. Manchmal wird mir das zu eng, zu viel, so anstrengend - vor allem dann, wenn ich selbst krank bin oder mehrere Nächte in Reihe kaum geschlafen habe. Und ich gebe es offen zu, dass ich die seltenen Nächte, in denen ich mein Bett für mich alleine habe,  genieße; ich kann mich ausstrecken, ordentlich zudecken und habe ein Kissen unterm Kopf.
 
Aber ich bin wahnsinnig froh, dass meine Töchter sich Schutz und Trost nicht bei ihren Plüschkameraden holen - sondern bei mir. Dass sie ohne Angst und genussvoll zu Bett gehen und wissen, dass sie jederzeit bei mir unterschlüpfen können - wenn der Wolf unterm Bett lauert oder große gelbe Augen im Kleiderschrank oder was immer es ist, was diese phantasievollen kleinen Wesen in Angst und Schrecken versetzt.
 
Und während diese Wuschelfrisur mein Gesicht so nervig kitzelt und ich den tiefen, gleichmässigen Atemzügen lausche, während ich selbst langsam wieder einschlafe und meine Tochter im Arm halte und sie meinen Daumen umklammert - währenddessen, das könnte ich schwören, erfährt auch die vierjährige Friederike ein klein wenig Trost.
 
Bloggen, Familie und Inklusion. Noch ein Liebster ...
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