Sind das noch Muttergefühle oder ist das schon asozial?

An dem Wochenende bei den Pelzis neulich hatte ich etwas für mich Außergewöhnliches zu erwarten: ein Treffen mit meinem Vor-Kinder-Ich. Steffen kündigte frühzeitig an, dass ausgerechnet an dem Wochenende bei ihnen eine regelmäßige Rotweinrunde stattfinde. Das war in meiner Vorstellung schon so absurd, was ich vielleicht kurz erklären muss (vielleicht auch nicht).

 

 

  1. Wein. Dieses wunderbare Getränk, das man außerhalb von Schwangerschaften und Stillzeiten zu sich nehmen kann. Ich erinnere mich noch dunkel an den Geschmack. Er war wunderbar. Weite Wärme Wein, so heißt eines unserer Fotobücher, das allein dem Getränk gewidmet ist.
  2. Regelmäßig. Dieser Zustand kommt in meinem Leben nicht mehr vor. Nichts ist regelmäßig, nicht mal die Überforderung. Nichts ist planbar oder zurechnungsfähig.
  3. Runde. Ein Treffen mit mehreren Erwachsenen, ohne Kinder, abends. Bei uns reicht es nicht mal für einmal pro Woche abends Sport. Immer wenn wir einen Versuch machten, war der Abend so katastrophal für den allein zu Hause gebliebenen, dass wir solche Schnapsideen schnell wieder abschrieben.

Dazu kam der Faktor „neue Menschen“. Mit vielen neuen Menschen, und die Runde ist normalerweise größer, hab ich ja so meine Schwierigkeiten (Lebensthema „Pass dich an die Erwartungen der anderen an, sonst wirst du nicht geliebt“) mit größeren Runden neuer Menschen, die ich nicht kenne, aber es handelte sich um den Besuch von drei sehr interessanten und lieben Menschen, das ist selbst für mich schaffbar …

Die erste kommt, ohne Klingeln, während ich die spontan kranke Maple ins Bett bringe. Wenn meine Kinder krank sind, erhöht sich mein Ocytocinspiegel noch mal um ein vielfaches (doch, das ist möglich). Ich komme aus Maples Schlafzimmer raus, kurz darauf treffen die beiden anderen Gäste ein, und Anne und Steffen, die bisher mit ihren Kindern noch dabei gewesen sind, verabschieden sich temporär nach oben zwecks Kinder ins Bett bringen. 

Da steh ich nun, ich, alleine, ohne Mann, ohne Kinder, dieses nackte Ich, das für sich selbst stehen muss und das früher immer für sich selber stand und das seit etwas vier Jahren auf Urlaub ist und noch immer nach dem Rückflugticket sucht (allerdings nur halbherzig).

Obwohl die drei Fremden von Anfang an total sympathisch, offen und unkompliziert sind, fühle ich mich fremd, und zwar nicht, weil sie einander bereits kennen. Sondern weil ich außerhalb von Kinderthemen und Mamasorgen nichts mehr zu sagen habe. Es war ein bisschen, als fragte mich jemand lateinische Vokabeln ab: Ich muss graben im Gehirn nach den Informationen, wie man sich mit Erwachsenen ohne sehr konkreten Kinderbezug unterhält. 

Während Antipasti brutzeln, akklimatisiere ich mich langsam. Als Coco weint, gehe ich zu ihr, ich lege mich zu ihr, sie beruhigt sich sofort. Alles entspannt sich. Die Kommunikation mit ihr ist so viel einfacher, unkomplizierter, vertrauter. Wir verstehen uns blind, wir müssen einander nicht erklären. Ich liege neben ihr, und auch ich entspanne bis in die tiefste Muskulatur. Ich spüre ihre Wärme, genieße ihre Nähe, sehe diesen kleinen Menschen an und denke, wie viel ähnlicher ich ihr bin als diesen offenen, klugen, reflektierten, witzigen und einfach liebenswerten Erwachsenen eine Etage tiefer. Ich fühle mich einem Baby nicht nur näher (das ist ja klar bei meinem), sondern auch ähnlicher. 

 

 

Bin ich mit der Welt meines früheren Original-Ichs nicht mehr kompatibel? Habe ich sämtliche Sozialkompetenz verlernt, weil ich einfach so exorbitant als Mama funktionieren musste? Verhält es sich wie mit meinen (eigentlich ehemals guten) Englischkenntnissen, die im Gehirn komplett gelöscht wurden, um dort Platz für all die Expertise rund um kindliche Darmfunktionalitäten und -krankheiten zu haben?

Wo bin ich? Bin ich überhaupt noch da? Will ich auch noch eine eigene Person sein?, geht es mir an dem Abend immer wieder durch den Kopf, während ich den Impuls unterdrücke, ständig meine Kinder zu thematisieren.

Noch krasser ist folgende Erfahrung: Der mit Coco gleichaltrige kleine Sohn der Pelzis kann nicht einschlafen, vielleicht weil er mittags zu lange geschlafen hat. Er begleitet Anne mit nach unten in die Erwachsenenrunde, sitzt im Hochstuhl mit am Tisch. Und es ändert nichts, aber auch gar nichts an den (guten!) Erwachsenen-Gesprächen, nichts an den Erwachsnen-Themen. Er ist einfach dabei. Ich kenne das nur umgekehrt: Kinder nebenher, das funktioniert nicht. Jaaa!, höre ich schon so manche Stimme, hör Dir doch mal selber zu, ist ja kein Wunder, Du willst es ja auch nicht anders! Ich schwöre, es ging nicht anders. Es ist natürlich auch immer irgendwas anderes Gravierendes gewesen, was die Kinder (v. a. Maple) auf traurige Weise an die Nummer eins der Aufmerksamkeitsliste gesetzt hat. 

Über all das, was war, habe ich vielleicht verlernt, dass Kinder auch einfach nebenher funktionieren können. Mir ist das teilweise bewusst, und ich versuche gegenzusteuern. Es funktioniert nicht oder nur sehr wenig. Ist unter all dem Frust, dass es mein altes Ich nicht mehr relevant ist, selbiges vergraben? Oder bin ich einfach nur asozial geworden? Irgendwann an dem Abend werde ich durch den Inhalt der Gespräche so abgelenkt, geradezu in den Bann gezogen, dass ich aufhöre nachzudenken. Ohne es zu bemerken, fühle ich mich auf einmal wohl, mehr noch, zu Hause, in mir, und all die Latein-Vokabeln fallen mir wieder ein.

Wir haben uns diesen Abend einfach genommen. Es scheint so einfach dort. Mein Kopf saugt Nahrung auf, als hätte er jahrelang nichts zu denken, nichts zu spinnen, nichts zu reflektieren bekommen. Er hat natürlich vieles zu denken bekommen. Aber immer mit Druck, immer um unhaltbare Situationen zu lösen. Nie mit Freiraum. 

So kann doch kein Mensch frei atmen. Es braucht eine Befreiung von all den Ketten (spätestens jetzt überlegt Frida, mich aus dem Team zu schmeißen, aber ich weigere mich auch jetzt, mich zu zensieren). Ja, Ketten, Fesseln, Zwänge. Ich will endlich wieder frei atmen können. Alle Last von mir werfen. Mich spüren können und mich fallen lassen, mich richtig, richtig entspannen.

So, wie ich oben bei Coco intuitiv entspannt habe.

 

 

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