Unerfüllter Kinderwunsch bei Männern - ein Interview mit Helge

Helge habe ich bei Twitter entdeckt - er bloggt über seinen unerfüllten Kinderwunsch, seine Beziehung und den langen Weg, den er und seine Frau bereits hinter sich haben. Mit Fehlgeburten, unzähligen Versuchen schwanger zu werden, intensiver Trauer und dem Umgang damit. Unerfüllter Kinderwunsch gehört in das Spektrum der Elternblogs und ist leider ein Tabuthema, deshalb bin ich froh, dass Helge hier für alle Männer eine Lanze bricht und darüber redet. Auch, wie man damit umgehen kann.

 

Bildechte: Vaterwunsch.de

 

Lieber Helge, danke dass du dich interviewen lassen möchtest. Du stehst mit deinem Blog für ein Thema, das ein gesellschaftliches Tabu darstellt: unerfüllter Kinderwunsch. Wie kamst du als Mann dazu, darüber zu Bloggen und worum geht es dir genau?

Viele Menschen, denen sich der Kinderwunsch nicht erfüllen möchte, suchen wahrscheinlich im Internet  nach Informationen und Leidensgenossen. So erging es jedenfalls mir.

Viele Seiten überschütten einen förmlich mit medizinischen Berichten und Behandlungsmethoden. Aber anstatt mich zu beruhigen, verwirrten mich die vielen Hinweise. Ich wünschte mir eine Seite, auf der Ursachen, ihre Behandlungsformen, die Kosten und die Praxen aufgelistet sind. Später merkte ich, dass die reinen Zahlen auch keine Befriedigung brachten. Ich suchte nach Männern und ihren Wegen mit dem Kinderwunsch umzugehen. Wie beruhigen sie ihre Frauen, womit können sie beim Kinderwunsch helfen und wie gehen sie mit Freunden und Kollegen um? Aber nirgendwo entdeckte ich Blogs von Männern.

Ein Missstand, den ich beheben möchte. All jenen Männern, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben, möchte ich Informationen bieten und zeigen, dass niemand so alleine ist, wie er sich vermutlich anfangs fühlt.

 

Du bist „erst“ 31 Jahre alt – wie lange besteht dein Kinderwunsch bzw. der deiner Frau und was ist eure Geschichte?

Nun, es ist im Grunde die übliche Geschichte, der übliche Lebensentwurf, in dem schon im Sandkasten feststeht: „Isch will au mal Kinner haben.“

Bereits vor 10 Jahren habe ich meine jetzige Frau kennen und lieben gelernt. Wir haben uns Zeit genommen uns kennenzulernen und unsere Ausbildung abzuschließen. Mit den ersten selbstverdienten Gehaltszahlungen konnten wir keine Hürden mehr entdecken, die uns vom Kinderwunsch trennen sollten. Meine Frau setzte die Pille ab und wir warteten auf das kleine Lebenswunder. Leider musste uns die Gynäkologin schon kurz darauf einen Strich durch die Rechnung machen. Bei einer Vorsorgeuntersuchung stellte sie fest, dass die Eileiter meiner Frau voraussichtlich verklebt sind. 

Wir entschieden uns zuerst gegen die konventionelle Kinderwunsch-Klinik und gingen den Weg der heilpraktischen Behandlung – mit Erfolg. Meine Frau wurde 1,5 Jahre später schwanger und die Freude war überwältigend. Überwältigend war aber auch die Trauer, als wir uns wenige Wochen später von unserem ungeborenen Kind verabschieden mussten.

Nach Monaten und Jahren vergeblichen Bemühens gaben wir vor knapp einem Jahr dann doch der Klinik den Zuspruch und konnten auch dort prompt einen Erfolg erzielen. (In einer Behandlungspause ;-) Leider wieder nur viel zu kurz. Nun sind bereits fast  6 Jahre, einige tausend Euro und eine Vielzahl Arztbesuche ins Land gestrichen. Wir sind viele Erfahrungen – sowohl gute, als auch schlechte – reicher und was bleibt ist: Ich bin zweifacher Herzensvater (danke Isa und Belle für dieses wunderschöne Wort).

 

Wie unterscheidet sich der Kinderwunsch bei Männern und Frauen bzw. der Umgang damit?

Die Qualität des Kinderwunsches bei Frau oder Mann möchte ich nicht beurteilen, die ist bestimmt sehr subjektiv. Aber der Umgang mit dem eigenen Kinderwunsch unterscheidet sich sicherlich zwischen den Geschlechtern. Ich glaube, grundsätzlich entsteht der Kinderwunsch bei Männern erst zeitverzögert, daher sind die Frauen mit ihren Fragen oft schon weiter. Zudem haben Frauen sich schon Jahre, Jahrzehnte mit ihrem Zyklus, ihren fruchtbaren Tagen und den hormonellen up and downs beschäftigt. Männer kennen meist nur die Geschichte von der Biene und dem Blümchen – die aber in Theorie und Praxis.

Wenn sich nun der Kinderwunsch nicht erfüllen will, haben Männer einiges aufzuholen. Mir fiel es schwer, die Tragweite unserer ersten gynäkologischen Diagnose zu erkennen. Ich habe emotional einige Zeit gebraucht, bevor ich wusste wie ich mich verhalten möchte, womit ich die Behandlungen positiv beeinflussen kann und wann ich meine Frau unterstützen sollte.

 

Bildrechte: Vaterwunsch.de

 

Erleben deine Frau und du euch als Team oder muss jeder seinen eigenen Kampf führen?

Ganz klar: Wir sind ein Team! Anders würde ich mir diese Tortur auch nicht zutrauen. Sicherlich ist mal der eine, dann der andere emotional weiter. Nicht immer legen wir das gleiche Tempo an den Tag, aber immer sprechen wir darüber. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber es ist hilfreich zu wissen, an welcher Stelle der Partner gerade steht. So kann man Rücksicht nehmen, Unterstützung anbieten oder sich auch mal fallen lassen. Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie so eng an meiner Seite steht (denn manchmal bin auch ich das Häuflein Elend).

 

Du gehst offen mit deinem unerfüllten Kinderwunsch um. Welche Erfahrungen hast du diesbezüglich mit deinem Umfeld gemacht? Und: kannst du Beziehungen aufrecht erhalten zu anderen, die Kinder haben?

Die Offenheit, mit der wir unsere Kinderlosigkeit thematisieren, stößt sicher auch mal auf Befremden, aber für mich ist es heilsam. Es ist unglaublich, welche Geschichten man hört, sobald man sich seinem Umfeld öffnet. Augenblicklich steht man nicht mehr alleine da. Selbstverständlich passt es nicht in allen Situationen, aber wenn, dann habe ich die Offenheit zu schätzen gelernt. Bei mir geht es sogar soweit, dass mein Chef über alles informiert ist und mich unterstützt – ein unschätzbarer Wert. Aber auch, wenn dem nicht so wäre, würde ich mir überall Vertraute suchen, Foren gründen und Twitter durchforsten, um einen Austausch pflegen zu können.

Bis auf wenige Ausnahmen haben alle unsere Freunde und Geschwister Kinder bekommen, teilweise auch schon das zweite. Wir beide haben das Glück nur bei der Verkündung einer Schwangerschaft kräftig Schlucken zu müssen. In diesen Momenten werden wir immer sehr deutlich daran erinnert, wonach wir uns sehnen. Aber schon von Anfang an empfinden wir keine Neidgefühle. Wir sind viel mehr traurig, dass es bei uns nicht klappen will.

Sind die Kinder dann auf der Welt, sind wir äußerst gern mit ihnen zusammen. Unsere Offenheit im Umgang mit dem Kinderwusch hat uns bereits mehrere Patenkinder eingebracht. Wir sind unseren Freunden sehr dankbar, dass sie uns in einem so großen und auch intimen Maße an ihrem Familienleben teilhaben lassen!

 

Was möchtest du anderen Männern mit unerfülltem Kinderwunsch gern mit auf den Weg geben? Was hat dir geholfen, welche Strategien sind nutzlos gewesen?

Es gibt für mich eine goldene Regel: Miteinander reden! Und das ist nicht leicht. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich eine Gesprächskultur mit meiner Frau entwickelt habe. Dennoch war es jede Mühe wert. Andernfalls, befürchte ich, ist das Risiko mit der Beziehung am unerfüllten Kinderwunsch zu zerbrechen extrem groß. Mir hat es ebenfalls sehr geholfen nach „Leidensgenossen“ zu schauen und mich auszutauschen.

Für nutzlos halte ich nur die Strategie „Erst mal abwarten“. Damit meine ich nicht, dass man sich direkt in die Klinik und unters Messer begeben sollte, aber man sollte den Zeitaufwand einer Kinderwunsch-Behandlung nicht unterschätzen. Es schadet nicht, sich schon frühzeitig untersuchen zu lassen und danach abzuwägen, wie man vorgehen möchte. Das betrifft auch die Psyche. Ein unerfüllter Kinderwunsch und dessen Behandlung sind enorm nervenaufreibend und belastend. Sie bündeln viel Lebensenergie. Ich glaube, dass es wichtig ist seine Belastungsgrenzen frühzeitig auszuloten. Außerdem haben mir Zeitpläne geholfen. Somit war auch immer die nächste Erholungsphase in Sicht. Wir haben zurzeit noch zwei Etappen geplant, dann wollen wir mit dem Kinderwunsch abschließen. Es erscheint mir wichtig irgendwann (und dass nicht zu spät) die Gegebenheiten anzunehmen und mit meiner Frau einen alternativen Lebensweg zu planen, der uns zufrieden und glücklich sein lässt.

 

Mehr von Helge findet ihr auf seinem Blog Vaterwunsch

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