Vom Vollproleten zum alleinerziehenden Mädchen Papa - Ein Interview mit Jörg

Jörg kenne ich schon eine Weile aus der Blogosphäre, er war mir von Anfang an sympathisch weil er so ehrlich ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Deshalb freue ich mich, dass er sich allen Fragen gestellt hat: wie war es, von heute auf morgen alleinerziehender Papa einer Tochter zu sein, die entwicklungsverzögert ist? Wie sieht sein Leben jetzt aus, ist noch Platz für Party, Bier und Männerfreundschaften und wie läuft es so mit den Frauen? 
 
Bildrechte: Jörg Müller
 

1.     Hallo Jörg, schön dass du dich auch meinen Fragen stellen möchtest. Erzähl doch mal wie lange du denn schon alleinerziehender Papa bist und wieso deine Ex und du die Kinder aufgeteilt habt.

Hallo Frida und vielen lieben Dank für das Interesse und die Neugier! Ich bin mittlerweile im 4. Jahr meines Alleinerziehenden Daseins angekommen. Weißt du, oft ist es ja dass Eltern sich verstreiten, dass man mit Kindern nicht klar kommt oder sich irgendjemand vor der Verantwortung drücken möchte. In diesem Fall ist es eben anders. Sicherlich hätten einige Dinge anders laufen können aber Situationen entstehen und können in den seltensten Fällen rückgängig gemacht werden. Meine Tochter ist seit ihrer Geburt behindert und neben ihr gab es ja auch unseren großen Sohn. Durch die Aufenthalte im Krankenhaus, die Sorgen die uns begleiteten und die Intensität der Pflege die sie benötigt hatte, ist er natürlich unbewusst und ungewollt in den Hintergrund geraten.

In einer Zeit in der wir uns bereits auseinandergelebt hatten, wurde meine damalige Partnerin nochmals schwanger woraufhin die endgültige Trennung erfolgte. Das dritte Kind war nicht von mir. Sie war sowieso bereits gesundheitlich angeschlagen und hatte mit Krebs zu kämpfen, so dass ein Zusammenleben mit 3 Kindern, wovon eines ziemlich pflegeintensiv ist, für sie einfach nicht mehr möglich war. Sie war überfordert und bevor meine Tochter in ein Pflegeheim oder eine ähnliche Einrichtung kommen sollte, beschloss ich kurzerhand sie zu mir zu nehmen. Ein Kind sollte immer die Möglichkeit haben bei seinen Eltern aufzuwachsen, bei den Menschen die sie lieben, in geliebter, beschützter und gewohnter Umgebung. Und vor allem an dem Ort an dem es geliebt wird. Und dass es trotz aller Widrigkeiten möglich ist, sich als Vater um sein Kind zu kümmern, zeigt dieses Beispiel. Für mich bedeutet Familie füreinander da zu sein, insbesondere für Kinder. Egal was wir in unserer Erwachsenenwelt verbocken!

 

2.     Wie war es, zuerst von deiner Familie getrennt zu leben und dich dann auf alleinerziehend umzustellen?

Wow, die erste Zeit war hart. Du bist Vater, bist gerne Vater du hast immer jemanden um dich herum gehabt. Die Kinder freuen sich wenn Du nach Hause kommst und kleine Zwerge kommen auf dich zugerannt. Als ich auszog, ging ich arbeiten, kam nach Hause, schloss die Türe auf und kam in eine leere, kalte Wohnung. Kein Geschrei, niemand der dich anlacht, nur weiße Wände. Die einzigen Dinge die sich mit dir unterhalten sind der TV und der Computer. Das einzige was dich umarmt ist der Affe der dich beim Wochenendbesäufnis umgibt.

Die Umstellung war enorm! Ich habe meine Tochter ja quasi über Nacht bekommen. Es war nichts gerichtet, die Wohnung war nur sporadisch eingerichtet und eigentlich nur für mich ausgelegt. Eine tolle Wohnung, 2 Zimmer, Terrasse, etc. – für einen Junggesellen optimal aber eben karg. Schließlich begann ich mit allem von Null. Weiterst hatte bzw. habe ich ja noch meinen Job. Wie sollte ich Betreuung und Job unter einen Hut bekommen? Ich hatte mich in einer email an entsprechende Behörden und Institutionen gewandt und habe in erster Zeit eine Vollzeitbetreuung eigenfinanziert. Das jugendamt steuerte einen Teil dazu bei, aus einem Notfallfonds der ihnen zur Verfügung stand. Die Vollzeitbetreuung riss dennoch ein riesen Loch in mein Budget, dass ich noch heute abtrage. Mittlerweile hat sich aber alles so weit eingespielt.

Die größte Befürchtung lag jedoch auf der Reaktion meines Arbeitgebers. An diesem Wochenende hatte ich kein Auge zugetan und montags bin ich zu meinem Personalleiter und habe ihm die Situation geschildert. Ich war wirklich unheimlich verwundert und beeindruckt als er sagte: “Herr Müller, gar kein Thema, wir bekommen das hin!“ Keinen Tag später wurde ich mit Laptop und Blackberry ausgestattet um auch von zuhause aus arbeiten zu können. So hat sich ergeben dass ich abends oder im Krankheitsfall meines Kindes per Homeoffice arbeiten und unterstützen kann.

 

3.     Wie klappen die Absprachen mit der Mutter deiner Kinder? Habt ihr ein Lebensmodell gefunden, das für alle passt oder würdest du gern etwas verändern?

Nunja, wie es eben ist, Differenzen gibt es immer und wird es immer geben. Ich würde mir mehr Regelmäßigkeit wünschen, für mich aber auch um meiner Tochter zuverlässig sagen zu können, an diesem Wochenende übernachtest du bei der Mama. Das ist aber leider aufgrund diverser Umstände, krankheitsbedingt, nicht möglich. Es ist aber nicht so dass sie ihre Tochter selten nimmt. Es ist eben nur nie planbar und das würde ich gerne ändern. Und wenn ich ehrlich bin, manchmal weist man mich auch auf Erziehungsfragen hin, womit sie sicherlich recht hat, aber ich bin halt Papa und sehe einige Dinge eben anders und ein bisschen lockerer.

 

4.     Du beschreibst dich als ehemaliges „Klischee eines Mannes“. Wie sieht dein Leben als Mädchenpapa denn nun aus? Gibt es immer noch genügend Raum für Bier, Mucke und Männerfreundschaften? Und kannst du deiner Tochter in allen „weiblichen Belangen“ zur Seite stehen (auch zukünftig)?

Wie mein Leben als Mädchenpapa nun aussieht? Ja das ist eine sehr gute Frage. Vom Vollproleten zum „Hello Kitty“ Rucksackträger und Puppenwagenschieber. Ganz zu schweigen von der Vater-Tochter Diskussion, oder wie ich es nenne: Gezicke! Ich denke sagen zu können, dass meine Tochter mir gut getan hat. In der Einstellung zum verantwortungsvollen Leben aber auch wo denn die Prioritäten liegen. Sie hat mir wohl mehr beigebracht als dass ich ihr im Leben wohl jemals beibringen könnte.

Die alten Freundschaften sind erkaltet aber ich brauche sie auch nicht wirklich. Daran sieht man wie oberflächlich Freundschaften teilweise sind. Es dreht sich eben nicht immer alles um Saufen, Titten und Fussball – sondern wir haben auch Pflichten. Und wer dies nicht nachvollziehen kann, hat in unserem Leben nichts zu suchen. Lange Zeit war ich ohne jegliche Freundschaften, mittlerweile haben sich neue Bekanntschaften aufgetan und ja – mit Bier, Mucke und oberflächlichem Gelaber – aber immer dem Verständnis dass auch Kinder vorhanden sind. Dort sind auch die Kinder willkommen und meine Tochter hat beispielsweise „den Dicken“ ins Herz geschlossen. Und dennoch, wenn ich Zeit und Kinderfrei habe, gehen wir auf Achse und ziehen in Pubs, Bars und um die Häuser.

 

5.     Deine Tochter hat eine Hirnfehlbildung – was heißt das für euren Alltag und welche Besonderheiten ergeben sich im täglichen Leben?

Unser Alltag ist vollends darauf ausgerichtet. Die Hirnfehlbildung zieht eine massive Entwicklungsverzögerung nach sich, außerdem benötigt sie Hilfe im Alltag in Situationen die für Kinder in ihrem alter natürlich völlig selbstverständlich sind. Vom Anziehen über das ständige im Auge behalten, da sie auch in ihren Bewegungsabläufen gehemmt ist bis hin zur Toilette. Mittlerweile kann sie selbständig auf die Toilette aber benötigt teilweise noch immer Hilfe beim Abputzen,  der Hygiene im Intimbereich, beim Zähneputzen, Duschen, Baden, Waschen, etc.

Ich mache mir darüber aber keine Gedanken, dafür ist es für mich schon viel zu selbstverständlich geworden und ich bin eher darauf stolz was sie kann als dass ich darüber trauere was sie alles nicht kann. Und stellt man sich das alle gegenüber, dann kann sie wesentlich mehr als was sie nicht kann. Natürlich besucht sie eine Schule für behinderte Menschen, das klappt soweit ganz gut.

 

6.     Wenn dir das nicht zu indiskret ist: hast du eine neue Frau in deinem Leben – oder wie ist es für dich als alleinerziehenden Papa mit der Partnersuche? Wie reagieren Frauen allgemein wenn du ihnen erzählst, dass du deine Tochter allein erziehst?

Was sollte daran denn indiskret sein? Nein, seit ich alleinerziehend bin, bin ich richtig alleinerziehend. Es gab mal eine kurze Liaison aber diese war eigentlich relativ schnell wieder erledigt. Mich intensiv auf Partnersuche zu begeben habe ich mittlerweile aufgegeben. Was passieren soll, wird irgendwann einmal passieren aber ich möchte mich nicht in eine Welt der Illusionen begeben sondern mich darauf fokussieren was ich habe. Sicherlich muss ich gewisse Bedürfnisse teilweise massiv unterdrücken oder habe die Sehnsucht nach jemanden aber eben nicht um jeden Preis.

Das ist wahrscheinlich auch der Faktor warum vielleicht die ein oder andere Frau der Meinung ist, dass ich sowieso kein Interesse habe oder ich sie sowieso eher nur als Kumpeltyp sehe. Ich merke auch nicht wenn ich angebaggert werde... Weiterst ist es so dass ich es auch nur wenigen zutraue mit dieser Situation klar zu kommen und wenn dann noch der Zeitfaktor, als auch der finanzielle Aspekt dazu kommen (Altlasten die noch zu bedienen sind), dann hat sich das Thema wohl sowieso meist erledigt.

Die Reaktionen sind meist überrascht und voller Komplimente. Damit kann ich nicht umgehen bzw. es ist mir unangenehm. Fakt ist dass ich prinzipiell nichts anderes mache, als eine alleinerziehende Mama. Bei einem Mann ist es aber gleich etwas Besonderes, etwas anderes, Beeindruckendes. Warum? Wir leben in der gleichen Situation, egal ob alleinerziehender Mann oder Frau. Allerdings gibt es mir auch die Möglichkeit eventuell eine Plattform zu gestalten um Alleinerziehenden Gehör zu verschaffen und Väter zu ermutigen keine Angst vor der Erziehung zu schaffen. Eltern die Angst vor Behinderung zu nehmen und Mamis vielleicht davon zu überzeugen dass unser bester pädagogischer Ratgeber unser Bauchgefühl und die Erinnerung an unsere eigene Kindheit ist. Dass das Leben und zusammenleben trotz aller Umstände dennoch geil sein kann. Und dass man auch mal fluchen darf!

 

7.     Welches sind die größten Herausforderungen als Alleinerziehender (bisher gewesen) und welche Tipps würdest du anderen mit auf den Weg geben wollen?

Die größte Herausforderung besteht natürlich darin sich auf die Situation einzulassen und nicht in eine Welt der Traurigkeit zu versinken. Verstecken und zurückziehen ändert nichts an der Situation. Jeder einzelne Tag will gelebt werden. Eine weitere Herausforderung ist natürlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich hatte das Glück einen guten und verständnisvollen Arbeitgeber zu haben und ein Unternehmen dass die technischen Voraussetzungen hat. Dass es an der Größe des Unternehmens liegt, bezweifle ich.

Prinzipiell wäre das für wesentlich mehr Arbeitsplätze möglich, meist sind die Unternehmen und Betriebe aber in alten Strukturen gefangen und hemmen sich somit selbst. Daneben belasten mich noch die finanziellen Altlasten. Ich habe ein gutes Einkommen, dennoch hat es mich massiv eingeholt. Wenn diese Last abgetragen ist, dann wird einiges wieder leichter sein. Ohne diese Bürde hätte ich wohl schon lange etwas anderes gewagt.

 

Kleiner Tipp:

 

Be yourself, sei authentisch und lass dich auf die Kinderwelt ein.

 

Hab keine Angst vor Entscheidungen oder anderer Leute Geschwätz.

 

Hab auch keine Angst nach Hilfe zu fragen, wenn und wo sie notwendig ist.

 

Sortiere Deinen Freundes- und Bekanntenkreis, auch wenn es lange dauert – du wirst die richtigen Menschen kennen lernen und treffen. Es ist und bleibt ein Prozess.

 
Mehr von Jörg und seiner Tochter findet ihr auf seinem Blog: Alleinerziehender Papa

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