Perfekte Eltern? Zwischen hohen Ansprüchen und dem ganz normalen Chaos

Ich habe eine gute Freundin, die ich persönlich als supertolle Mutter sehe. Sie ist liebevoll, wahnsinnig geduldig, empathisch, aufopfernd aber nicht über die Maße. Und sie hat ziemlich viel Ahnung von Erziehung und Kinderentwicklung. Und dann schreibt sie mir den Satz "Ich fürchte ich bin gerade keine gute Mutter, weil ich meine Tochter so oft anbrülle". Etwas, das ich sehr gut von mir selber kenne... warum haben wir diese überzogenen Ansprüche an uns selbst? Oder sind wir einfach zu schwach / blöd / xyz um uns allzeit bereit adäquat um unsere Kinder zu kümmern?

 

 

Von guten Müttern und dem gesellschaftlichen Druck

Wer würde ernsthaft von sich behaupten, er wolle keine gute Mutter (respektive Vater) sein? Natürlich definiert sich jeder ein stückweit anders - die einen halten es für das Beste, sich komplett aufzuopfern, die anderen kümmern sich gut um sich selbst weil eine entspannte Mutter besser für ihr Kind sorgen kann. Mir geht es jetzt nicht um eine Wertung oder eine Definition der guten Mutter, sondern ich wollte darauf hinaus, dass es zum einen eine eigene Messlatte gibt und dann natürlich noch die der Gesellschaft. Mütter haben es scheiße schwer, allen gerecht zu werden, und am besten sind die eierlegende Wollmilchsäue. Gehen arbeiten, aber nicht zu viel, bleiben zuhause aber nicht zu lang, stillen aber nicht in der Öffentlichkeit, lassen ihre Kinder von allen bewundern aber gehen niemandem auf die Nerven... eine Liste die ins Unendliche führt. Und daneben ist sie natürlich noch eine bombastische Hausfrau und eine sexy MILF, die sich für den Partner abends noch in die sexy Höschen schmeißt. Ausgehen sollte sie natürlich auch mit Freunden, aber Vorsicht - zu viel ist auch wieder Rabenmutter Alarm. 

 

Warum ich mich selbst nicht (mehr) als gute Mutter sehen kann

Kommen wir mal weg von der Standart Mutter und gehen wir hin zu meiner Freundin und mir. Beide sozusagen pädagogisch gebildet, beide haben wir viel Erfahrung mit Menschen und beide geben wir alles, um das Beste für unsere Kinder herauszufinden und umzusetzen. Und beide scheitern wir an unseren eigenen Ansprüchen. Warum? Weil wir es nicht schaffen, uns allzeit unter Kontrolle zu haben. Es könnte doch so einfach sein, nicht wahr? Da gibt es so tolle Erziehungsblogs, die ich auch regelmäßig lese und mich inspirieren lasse. Und was ist? Hauptsächlich machen sie mir ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich es einfach nicht schaffe, so beherrscht und überlegen (über mich selbst) zu sein wie die Autoren. Weil ich so eine Mutter bin wie die, die sie als Negativbeispiel schreiben. Eine die brüllt, ihr Kind unpädagogisch lobt, auch mal keinen Bock hat auf Waldorf und Pickler, eine die mit Schokolade besticht damit sie mal kurz Ruhe hat, die mal weggeht damit das Kind nicht abhaut (Angstauslöser!) und so weiter und so fort. Meine Liste der Verfehlungen ist ellenlang.

Als meine große Tochter kleiner war, schien es mir einfacher, mich als gute Mutter zu sehen. Ich habe alles gegeben, mich vollständig aufgegeben, weil ihre Bedürfnisse so groß waren. Ich habe mir selbst sagen können, mehr geht nicht und du tust wirklich alles. Ich habe sie fast jede Nacht herumgetragen, gestillt ohne Ende, habe sie mit aufs Klo genommen auch in der Nacht, habe keine freie Minute mehr gehabt. Und ich habe sie nie angeschrien. Sie war ja noch zu klein um zu verstehen. Und jetzt? Jetzt treibt sie mich immer öfters zur Weißglut und ich bin die Mutter, die ich nie sein wollte. Ich komme an meine Grenzen und das immer öfters...

 

Müssen wir uns noch mehr Mühe geben?

Vielleicht lautet die Lösung, noch härter mit sich ins Gericht zu gehen, sich noch mehr Fachliteratur und Blogs reinzupfeifen. Vielleicht mal eine Runde an den Pranger stellen zu lassen und sich so richtig richtig zu schämen. Ihr merkt schon, jetzt wird es etwas sarkastisch. Nein ich denke, wir sollten nachsichtiger mit uns sein. Wir gehen alle über unsere Grenzen und erst, wenn man akuten Schlafmangel mit geballtem Wutkind und vielleicht noch Migräne kombiniert, kann man ermessen, wie schwierig es ist, noch den allzeit chilligen Supermän zu geben. Von außen kann man immer sagen, was vielleicht besser hätte klappen können, aber wir stehen ja nicht auf der Metaebene, sondern krebsen in unserem anstrengenden Alltag vor uns hin und hoffen, dass wir gut über den Tag kommen. Und immer geben wir unser Bestes, auch wenn es nicht immer ganz so vorzeigbar ist. Und ich bin sicher, das werden unsere Kinder auch verstehen  und die Liebe fühlen, die wir für sie haben. 

 

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