Sehnsucht nach Glück

Ein kleiner Abschlusssatz bei Mama on the Rocks, und ich bin in tiefes Nachdenken gefallen. Sie schrieb: „Ich liebe mein Real Life!“ Wow. Das ist toll. Das ist groß. So klingt es, wenn jemand glücklich ist. Und Glück ist, wenn man nirgends anders sein will als da, wo man gerade ist.

 

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„Ich liebe mein Real Life“ - hat das jemand von Euch schon mal geschrieben? Also nicht in einem Moment, wo man vielleicht gerade einen Heiratsantrag bekommen hat und vor der Fotografie des zuckersüßen Babys steht, das gerade friedlich schläft. Sondern so mit etwas Abstand. Mama on the Rocks schreibt ihn am Ende eines Artikels zu ihrer Küche. Hier wird gekocht, hier wird gegessen, hier wird gelacht, hier wird geliebt. Ich liebe mein Real Life!

Ich liebe mein Real Life nicht. Mir fallen tausend Dinge ein, die ich gerne anders hätte. Trotzdem würde ich sagen, dass ich glücklich bin. Vielleicht kann man glücklich sein, obwohl man das eigene Leben gerade nicht so toll findet?

Es gibt vieles, was ich toll finde, natürlich. Ich habe den besten Mann der Welt, mit dem ich fast schon zehn Jahre durch alle Höhen und Tiefen gehe, ich habe zwei wunderbare Töchter. Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, wieder richtig tolle, seelenverwandte Freunde gefunden zu haben (übrigens über Twitter).

Und doch passt mir einiges von hinten bis vorne nicht.

 

Liebesleben? Was ist das?

Von meiner Partnerschaft gibt es eigentlich nichts außer gegenseitiger Unterstützung. Das ist viel, sehr viel, unschätzbar viel, und das weiß ich auch. Aber mir ist heute wie Schuppen von den Augen gefallen, dass ich eigentlich ziemlich auf den Punkt sagen könnte: Sobald wir Kinder hatten, war es mit der Romantik doch schlagartig vorbei. Ja, ja, ich weiß, das kommt wieder. Aber zufrieden bin ich mit meinem jetzigen Real Life deswegen noch lange nicht. Als es mir bewusst wurde, dass für Romantik überhaupt kein Raum mehr ist, klingelte mein Handy, Karl rief an, um mir zu sagen, dass er endlich wieder mehr Zeit zu zweit mit mir haben möchte. Er klang sehr entschlossen. Und dabei ging es nicht um Sex. Davon rede ich ja erst gar nicht. Es geht darum, sich als Paar, das einander liebt, wahrzunehmen und da hineinzuspüren.

Aber wie nur? Einzige Perspektive scheint mir im Moment zu sein zu warten, bis Coco ab Sommer bei der Tagesmutter eingewöhnt wird. Während sie dort ist und Maple ja eh im Kindergarten arbeiten wir beide. Wir könnten uns also beide einen Tag freinehmen, um ein paar gemeinsame Stunden zu zweit zu haben.

Ich weiß nicht, wie andere das machen, aber anders kriegen wir das nicht hin. Abends rufen die Kinder abwechselnd durchs Babyfon, während Karl noch arbeiten muss, und ich versuche, das Allernötigste wegzuräumen, wenn ich nicht schon auf dem Sofa eingeschlafen bin.

 

Selbstbestimm – was?

Meine Kinder lassen mir im Grunde keinen Spielraum, mal etwas Selbstbestimmtes zu machen. Ich weiß nicht, wie das für Mütter oder Väter ist, die ihren Nachwuchs in den Buggy setzen können und ab in die Stadt. Ich schaffe es natürlich auch, Dinge zu erledigen, aber um welchen Preis? Ich bin dann immer völlig fertig, schleppe Coco und Rutschkuh und Buggy oder irgendwelche Einkäufe, dabei fällt mir der Kopf ab, und vom ständig Geduld haben bin ich schon halb aggro.

 

Aua Kopf

Ich hätte auch gerne mal einen Kopf, der nicht abfällt. Der nicht ständig Physiotherapie erfordert, damit ich es einigermaßen aushalte. Und für jedes Rezept beim Orthopäden betteln muss, um dann 4 Sitzungen verschrieben zu bekommen. Obwohl er die Diagnose kennt. Bei einem Folgerezept ist das Budget in aller Regel schon wieder ausgeschöpft. Dann zahle ich es eben selber, weil ich die Manuelle Therapie einfach brauche. Kaum denke ich, na ja, vielleicht geht es ja auch mal eine Zeit lang ohne, breche ich weinend vor muskulärer Erschöpfung zusammen, und mir ist alles egal, wie teuer oder wie ungerecht, ich zahle es dann selbst.

 

Zum Arbeiten verbiegen

Und dann ist da sie Arbeit. Im Grunde eine gute. Ich habe einen tollen Kollegen (Fotograf). Der Rest ist leider schlechter als auf den ersten Blick. Eine Egomanin, ein Kollege, der immer apodiktischer wird, und eine Chefin, die mir, ebenso wie der Kollege, jede Form von Lebhaftigkeit aus Texten herausstreicht. Das fühlt sich an wie gefesselt und geknebelt zu sein beim Schreiben. Es setzt mir immer mehr zu.

 

Chaos. Chaos. Chaos.

Ein uncooler, aber nicht unwesentlicher Punkt ist, dass ich mich in meinen eigenen vier Wänden nicht besonders wohl fühle, weil alles so voll ist mit allem. Hat man mal für fünf Minuten seine Ruhe, geht das nur um den Preis, dass die Kinder sich aus den Büchern im Bücherregal einen Weg quer durch die Wohnung bauen, alle Decken vom Hocker runterschmeißen, um ihn als Treppe zur Sofa-Hinterwand zu benutzen, die den Sprungturm im Schwimmbad darstellt. Versteht mich nicht falsch. Ich finde es toll, wenn sie selbständig spielen und auch was da so kreatives bei rauskommt. Aber wer Schwimmbad spielt, braucht natürlich auch eine Badehose (die aus dem Schrank gerissen wird, huch noch sechzehn andere Teile mit rausgefallen, aber egal, schnell ins Schwimmbad!). In der Zeit räumt Coco die halbe Küche aus. Damit ich duschen kann, leert sie meine Mini-Reise-Kulturtasche aus, wo so alles drin ist für Spontanbesuche, will aber auch Zähneputzen, nein dann doch nicht, fällt ihr ein, als sie gerade all meine Socken aus der Kommode räumt.

Ergebnis ist, dass Sachen aus allen Räumen (und nicht wenige) in allen Räumen rumfliegen, es herrscht einfach das Chaos. Und das macht mir Chaos im Kopf. Meine Ansprüche an Sauberkeit habe ich schon auf null zurückgefahren, aber ich hab das Gefühl, ich kann nicht mehr atmen, wenn überall Chaos ist. Ein aufgeräumtes Zuhause macht auch meinen Kopf aufgeräumt. Aber es ist sehr weit entfernt von meinem Real Life.

 

Money Money Money

Um jetzt noch das letzte Klischee und gleichzeitig Tabu zu bringen: das liebe Geld. (Ich sehe schon die erste Koopertaionsanfrage von Kreditinstituten bei 2kindchaos.) Ja, die wichtigen Dinge gibt es nicht für Geld. Ach nein? Dann erfindet bitte endlich das Beamen. Denn menschliche Begegnungen, die erfüllen und glücklich machen, sind leider nur möglich, wenn man hunderte von Kilometern zurücklegt. Und da unsere Kinder ja auch so tolle, unkomplizierte *Ironie aus* Schläferinnen sind, braucht man immer gleich zwei Zimmer, wenn man jemanden besucht. Oder halt 2 Hotelzimmer oder ne Ferienwohnung. Auto geht auf lange Strecken auch nicht, also besser Bahn, was auch wieder kostet, und je nachdem auch nen Mietwagen. Ich breche mal hier ab. Es kotzt mich an, ich kann Euch nicht sagen, wie, dass es am Geld scheitert, Menschen zu treffen. Und gleichzeitig weiß ich nicht, wo das Geld bleibt. Wir haben jeder eine halbe Stelle, Karl sogar etwas mehr, und wir verdienen nicht schlecht. Gut, Auto zu Schrott gefahren, weil die nervliche Belastung nach dem Krankenhaus so hoch war. Anwaltskosten wegen des beknackten Krankenhaus-Terrors und den Folgen, Gutachten erstellen lassen und so. Aber da hilft uns ja die Schwiegermutter. Trotzdem. Ich weiß gar nicht, wie viele Altersvorsorgen, Riester-Sparpläne und betriebliche Renten wir stemmen. Aber es ist viel. Wir haben hohe Fixkosten, und es kotzt mich an, dass ich Maple nicht einfach ein Fahrrad oder einen Roller kaufen kann, was sie sich beides so sehr wünscht.

Nein, „ich liebe mein Real Life“ kann ich nicht sagen.

Aber wir werden dafür kämpfen. Mit welcher Kraft auch immer.

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