Stillen in der Öffentlichkeit: In 5 Schritten von peinlich berührt zum Nipplegate

Immer mal wieder gibt es einen neuen Aufreger - Fall, wenn irgendwo im ach so aufgeklärten Deutschland eine stillende Mama entweder im Zug oder im Café rausgeschmissen wird oder zumindest blöd angemacht. Da ich selber seit ungefähr hundert Jahren stille, habe ich schon so ziemlich alle Phasen durch, die ich natürlich gern mit euch teilen möchte... 

 

 

1. Kinderlos - Stillen, ist ja abgefahren!?!?

Ich konnte mir niemals nie vorstellen, ein Baby zu stillen, schon gar nicht mein eigenes. Höhö. Eigene Kinder konnte ich mir auch lange nicht vorstellen, aber das ist ja ein anderes Thema. Stillen fand ich immer ein wenig seltsam und abgespaced - nicht weil ich dachte, dass ein Busen nur für Männer zum Grabbeln und Glotzen da sein sollte, sondern weil ich den Vorgang mit der Milchproduktion irgendwie crazy fand. Für mich war es je nach Mutter entweder schön anzusehen oder ein wenig seltsam, zum Beispiel als ich mal eine sah, die ihren Busen vor dem Anlegen so komisch in die Breite zog. Für sie war das ein notwendiger Vorgang, für mich irgendwie ein intimer Moment, den ich nicht so gern mit ansehen wollte. Auf die Idee, sie blöd anzupflaumen, wäre ich trotzdem nicht gekommen. Meine Bekannte, die neben mir stand und ein leises "Wääh!" ausstieß, fand ich auf jeden Fall ziemlich gemein.

 

2. Schwanger - boah stress mich nicht!

Jede(r) wollte mit mir über das Thema Stillen reden. Du stillst doch dein Baby, oder? Du versuchst es doch sicher? Also bei mir war das ja soundso / gar nicht gut / irgendwann blieb die Milch aus / du musst unbedingt diesunddas. Meine Lieblingstipps waren übrigens "mit einem rauhen Handtuch abrubbeln" und "mit Zitronensäure verätzen" um sich schön auf das Stillen vorzubereiten. Ohne Scheiß, das empfehlen Hebammen von heute. Und gestern. Und vermutlich auch morgen. Wobei sich auch da die Geister scheiden. Wirklich Bock hatte ich nicht auf das Stillen und vor allem fand ich die ganzen Geschichten bescheuert, die einem jeder erzählt hat, hat ja so gar keinen Druck erzeugt und so. Kann ja jeder selber entscheiden, dass er stillen will, gell? Zwinker.

 

3. Frisch gebackene Mama - Hilfe mein Busen läuft aus!

Und dann war es so weit - das Baby war da und es wollte nur eins: an Mamas Busen! Wenn es nicht gerade schrie oder schlief, versteht sich. Ich hatte mir irgendwann mal, so ganz "ohne" Druck, vorgenommen, es wenigstens zu versuchen, also gab ich mein Bestes, auch wenn die Krankenschwester mir das Kind mit Gewalt an die Brust drückte und ich das alleine irgendwie nicht hinbekam. Gar nicht so einfach, wenn das Baby nur brüllt und irgendwie nicht weiß, was es mit seinem Mund anfangen soll außer schreien. Ein paar Tage später kam dann der Milcheinschuss und bei mir hieß es dann "alle Schleusen offen". Holy fucking shit, das habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt dass mein Körper mal so eine Sauerei anstellt!

Aber was ich persönlich noch schlimmer fand: jeder wollte Bescheid wissen über meinen Busen! Wie läuft es denn so? (Wie Sau!) Hast du genug Milch? (Genug?!? Ich könnte eine ganze Armee Babys ersäufen!) Gefühlt ständig drehten sich die Gespräche um mein bis dahin sekundäres Geschlechtsmerkmal, jetzt Mittelpunkt jeglicher Aufmerksamkeit. Irgendwie auch diskriminierend, kam mir zumindest so vor. Ich war nicht mehr ich sondern zwei Titten. Danke fürs Gespräch. An Öffentlichkeit dachte ich in dieser Phase jedenfalls nicht mehr.

 

4. Das Baby wird älter - Stillst du noch?

Kaum hatten die Schmerzen in den Eutern nachgelassen, fragten schon all die Interessierten, ob ich etwa immer noch stillen würde. Wie jetzt, immer noch? Hab doch gerade erst angefangen. Die ganze Mühe, der ganze Schweiß, all die Tränen, um meinem Kind jetzt noch die Chemie anzurühren? Näh, nicht mit mir. Bin doch nicht bekloppt, jetzt wo das endlich mal läuft. Mein Kind war zudem immer noch ein richtiger Busenfetischist und hatte weder Lust auf Brei noch auf Beikost und das hielt weit über das erste Lebensjahr hinaus.

Ich wollte jedenfalls kaum rausgehen, weil ich keine Lust hatte, in der Öffentlichkeit zu stillen, weil ich mir einbildete, jeder würde glotzen. Vermutlich war das auch so, denn das Baby war ja irgendwann älter als 6 Monate, und  somit war es hochgradig ungewöhnlich, zu stillen. Ohne Scheiß, ich hab das in der Öffentlichkeit nie gesehen, dass ältere Kinder gestillt werden. Wo sind die denn alle?

Irgendwann traute ich mich dann doch vor die Tür und ließ mich beglotzen und betuscheln, auch wenn es unangenehm war. Meist ging ich aber tatsächlich zum Stillen auf die Toilette, wenn ich keinen diskreten Ort fand, und so diskriminierte ich mich im Prinzip selbst. Außerdem weiß ich jetzt so ziemlich über jede Altersgruppe bescheid, wie die so ticken auf dem Örtchen. Geballtes Wissen, das ich eigentlich nie hatte haben wollen.

 

5. Langzeitstillen, Tandemstillen? Nach mir die Sintflut

Wisst ihr noch, die ganzen Besserwisser und Nachfrager aus Punkt 2 - 4? Die hatten spätestens ab dem ersten Lebensjahr nicht mehr so viel zu sagen. Anfangs drehten sie sich noch angeekelt weg, irgendwann beschlossen sie, das ganze Desaster gekonnt zu ignorieren. So, als handle es sich um etwas sehr Ungebührliches, das verschwindet, wenn man nicht hinsieht. Dafür war die Umwelt umso mehr irritiert, wenn ich meinem laufenden Dreikäsehoch die Brust gab - mit steigender Mobilität dann halt eben auch an blöden Orten wie zum Beispiel mitten im IKEA, zwischen Deko Jägern und tuschelnden Teenagern. Oder mitten im überfüllten und überhitzten Zug, aber Hauptsache das Kind hört auf zu brüllen.

Irgendwann ist einem fast nichts mehr peinlich, auch wenn man sich manchmal wünscht, unsichtbar zu werden. Verrückterweise klappt das sogar irgendwann, wenn man nämlich aufhört, darüber nachzudenken, dass dieser oder jener rüberschielt oder tuschelt. Und es wird so sehr zum Alltag, dass man vergisst, dass es für die meisten anderen total strange und pervers ist. Vielleicht müssen die auch erst mal die ganze Palette durchmachen, um zu wissen, wie man sich so fühlt - als Mama oder auch als Stillkind - Papa. 

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