Von Weichspüler und Fotoalben

Nachdem meine Großmutter gestorben war ging es irgendwann darum, den Hausrat aufzuteilen: da waren Geschirr und Möbel, Tisch- und Bettwäsche, so vieles, was sich innerhalb eines Lebens angesammelt hatte. Haushaltsauflösungen tun ganz gewaltig weh, und bei dieser hing für mich an nahezu jedem Stück eine Erinnerung. Natürlich wren da auch die Fotoalben: vollgestopft mit Schwarzweißbildern - die mit dem unregelmäßigen weißen Rand, manche nicht größer als eine Briefmarke. Erinnerung an Erinnerungen, die nicht meine waren.

 

 

Oma. Es traf mich sehr, als ich nach einer Weile bemerkte, dass ich mich kaum noch an ihre Stimme erinnern kann; und tatsächlich gibt es keinerlei Tonaufnahme von ihr. Mit den Jahren verblasste auch ihr Bild vor meinem geistigen Auge - aber dafür gibt es ja die Fotoalben. Und irgendwann angelte ich eine fest verschlossene Tüte aus den Tiefen meines Kleiderschrankes, Inhalt: mehrere reinweiße Laken, die alten, die ohne Gummizug, die, die wirklich gebügelt werden müssen. Ich wusste, was in er Tüte sein würde, dachte mir aber nichts dabei, öffnete sie dennoch.

Es war wie ein Flashback. Die Laken rochen, wie Wäsche bei Oma einfach immer gerochen hatte, wie es bei ihr immer gerochen hatte. Und für einen Moment war alles wieder da: das dämmrige Licht in ihrem Wohnzimmer, ihr lachendes Gesicht, ihre Stimme. Der Geruch, konserviert in der namenlosen Plastiktüte, brachte für eine Sekunde lang vergessene Gefühle zurück, trieb mir die Tränen in die Augen, brach mir das Herz.

Das war mein erstes bewusstes Zusammentreffen mit meinem "Geruchsgedächtnis", dem sogenannten "Proust Phänomen", und ich begann, mich ein wenig mit dem Thema zu befassen: der Geruchssinn ist einer der ältesten Sinne, einer der am wenigsten erforschten - und der einzige, den man nicht abschalten kann. Ein Geruch wird ganz besonders gut im Gedächtnis haften, wenn er mit etwas Emotionalem in Verbindung steht - und das nahezu unverändert; das unterscheidet ihn von allen anderen Sinneseindrücken. Eine Geruchsempfindung gelangt sozusagen ohne Umwege ins limbische System, sie verbindet sich ganz unmittelbar mit Gefühlen.

Es ist mir peinlich, dass ich mir Gesichter absolut nicht merken kann und ich mit Namen wirkliche Probleme habe. Doch der Geruch einer Orangenblüte versetzt mich unmittelbar auf dieses alte Weingut, auf dem eine so große Stille herrschte; rieche ich frisch gebackenen Kuchen, sehe ich sonnige Sonntagnachmittage im Garten vor mir. Leider funktioniert auch die Gegenrichtung sehr zuverlässig: der Geruch von verbranntem Gummi führt meine Gedanken zu meinem haarsträubenden Unfall auf der Autobahn; rieche ich das Shampoo von Aussie, sehe ich sofort die Frühchenintensivstation vor mir und will einfach nur weg.

Und dann war da dieser Weichspüler: ihn nutzte ich, als mein erstes Kind ganz klein war und ganz viel schrie, in einer Zeit, an die ich am liebsten überhaupt nicht zurückdenken würde. Doch da waren diese ganz seltenen Momente, in denen das Baby nicht brüllte, sondern friedlich überm Stillen eingeschlafen war, kuschelnd in meinem Arm lag und hin und wieder leise schnaufte. So roch dieser Weichspüler: nach dem Glück, für Sekunden ein zufriedenes Baby halten zu dürfen. Nach der Gewissheit, nicht vollständig zu versagen. Nach der Hoffnung, es werde vielleicht doch noch alles gut. Manchmal, wenn alles zuviel wurde, ertappte ich mich dabei, wie ich die Augen schloss und an der Wäsche schnupperte.

Und dann kam der Moment, als ich beim regelmäßigen Einkauf keinen Nachschub ordern konnte; ausverkauft, dachte ich, kann ja mal passieren. Doch dann wurde klar, dass der Hersteller das Produkt aus dem Sortiment genommen hatte - ausser mir hatte offenbar niemand Gefallen gefunden an diesem farbstofflosen Produkt mit dem nur ganz sachten Duft. Für eine Weile zog es mir den Boden unter den Füßen weg, und ich verstand die Welt nicht mehr; zu überhöhtem Preis erwischte ich noch vier Flaschen bei einem Online-Versandhandel, und mit denen haushaltete ich vorsichtig.

Doch auch die sind nun leer. Ich habe Fotos aus der Babyzeit der Großen, die ich mir jederzeit anschauen kann. Ich habe einige Video-Sequenzen festgehalten, und es existieren auch reine Tonaufnahmen von den singenden, kichernden oder kreischenden Kindern. Doch nichts wird mir den Geruch zurückbringen, diese Mischung aus Baby und Glück. Ich wünschte, ich hätte diesen unverkennbaren Duft in Flaschen abfüllen lassen können, und ich fühle mich, während ich das aufschreibe, ein wenig wie Jean-Baptiste Grenouille, der in "Das Parfum" genau das umsetzte.

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