Wann ist ein Traum ein Traum?

Zwei Seelen schlagen ach in meiner Brust. Will ich ein neues Leben?

Im bequemen Sessel sitzend, ist es immer leicht, von einer anderen Zukunft zu träumen. Besonders, wenn man die Augen auf macht, und es ist eigentlich immer noch schön, ist man in einer komfortablen Lage. Aber der Sessel fängt irgendwann an zu miefen oder wird doch unbequem, oder man merkt, dass man sich darin eigentlich die ganze Zeit verhält. Und an dem Punkt stehe ich und weiß nicht, was ich tun soll. In meinem Kopf sind gefühlt tausend ungeklärte Fragen und diffuse Baustellen. Lisa von geborgenundgeliebt hat mich mit ihrem Blogbeitrag Mit zwei Kindern in ein neues Leben! ermutigt, mich ihnen zu stellen.

 

Bildrechte: 2KindChaos

 

Wonach ich mich sehne: Baby!

Wir möchten gern noch ein drittes Kind. Gut. Dazu kann man sich entschließen. Schaffen wir das rational? Ja. Wir haben beide unbefristete Jobs, einigermaßen flexibel, wir haben Tagesmutter- und Kindergartenplätze, wir sind gesund. Schaffen wir das emotional? Das ist die Frage. Es gibt sicher welche unter Euch, die mir abraten würden. Und dann gibt es die, die mich gut kennen. Die Liebe trägt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Das ist unser Trauspruch, und er hat sehr viel mit unserem Leben zu tun.

Ich gebe zu: Die Grundbelastungslinie ist immer noch ziemlich hoch, höher, als sie, nach konventionellen Maßstäben betrachtet, sein dürfte. Nur hilft einem Schema F oder Schablone X individuell nicht weiter. Ja, wir haben was in den Knochen, auch wenn das etwas her ist. Das eine hat das andere ergeben, anderes ist daraus gefolgt, und es hat sich summiert. Dinge, die man ohne das, was war, vielleicht wegstecken kann, haben erneut getriggert, und nicht zu knapp. Wir funktionieren insgesamt ganz gut, aber ich bin doch schnell über den Punkt, an dem plötzlich nicht mehr alles gut ist, sondern an dem auf einmal nichts mehr geht und die totale Überlastung zurückkommt.

Vielleicht dauert es zehn Jahre, sich davon wirklich zu erholen, und jeder Elternteil, der schon mal krank war, weiß, dass Erholung unter Volllast einfach nicht so schnell geht wie früher, als man sich einfach schonen konnte. Was ich damit meine: Vielleicht bin ich noch nicht gänzlich wieder die Alte (werde ich die jemals wieder? Ist das überhaupt das Ziel?), aber das Leben geht weiter, und mit Anfang 50 brauche ich kein Baby mehr zu bekommen. Die Zeit ist jetzt. Und sie fühlt sich auch richtig an.

 

Was ich mir wünsche: Kommune.

Wenn man es schwer hat, hat man es alleine besonders schwer. Binsenweisheit. Schaff dir ein Netzwerk an! - Ein Netzwerk, das mit der eigenen Welt nicht kompatibel ist, ist allerdings nur eine Belastung. Und dann kamen die ersten Begegnungen mit Frida, und aus der Erfahrung, dass gemeinsame Zeit mit Gleichgesinnten so unglaublich hilfreich und unterstützend ist, ist eine fixe Idee geworden. Aus der fixen Idee wurden konkrete Gedanken. Wie wäre es, mit vielen Menschen nah beieinander zu wohnen, die ähnliche Erziehungswege gehen, die einander verstehen? Es wäre wunderbar. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Jede gemeinsame Zeit mit Menschen, die ähnlich ticken, hat die Erfahrung wiederholt. Und es gab einige Ausnahmesituationen und nicht nur Friede, Freude-Ei-Ersatz-Kuchen (die Floskel hab ich von der Öko-Hippie-Rabenmutter geklaut).

Jeder Traum bleibt ein Traum, bis man ihn wahrmacht.

Aber sehen das andere potenzielle Kommune-Fans auch so? Wie viel ist man bereit aufzugeben? Da alle höchstwahrscheinlich umziehen müssten, zumindest also Wohnung/Haus aufgeben, Jobs, Familienumfeld, Freunde der näheren Umgebung, nicht zu vergessen Kindergärten, Betreuungsangebote, die funktionieren usw. Man fängt irgendwo ganz von vorne an. Und weiß nicht, ob es funktioniert. (Wobei das für mich kein Argument ist an der Stelle.) Dann braucht man Startkapital, weil man sich vermutlich erst einmal etwas schaffen muss, was Wohnraum für alle bietet. Startkapital haben wir natürlich nicht. Und wie viele wären eigentlich dabei?Und dann denke ich an den Kindergarten, der so toll ist, an alles, was uns ankommen ließ, an die Liebe zu meiner Stadt. Und schon stehe ich wieder vor einem riesigen Berg an Fragezeichen.

 

Berufliche Neuorientierung?

Im Grunde habe ich es gut. Ich schreibe gerne, und mein Job ist großteils Schreiben. Auch der Arbeitgeber passt und ist sinnstiftend. Nicht ganz so wie der vorige, aber dafür familienkompatibel. Nun gibt es da aber einige personelle (langfristige) Veränderungen, die meine Freude doch sehr unterlaufen. Eine Chefin, die meine Sprache beschneidet, ein Kollege, der sich ob seiner wahnsinnigen Lebenserfahrung (50+) derart überlegen fühlt und mich, sehr geschickt, wie eine Praktikantin behandelt. Na gut, wie eine Volontärin. Ich lerne gerne dazu, ich bin kritikfähig (wenn jemand anständig kritisiert), und ich setze mich auch gerne auseinander. Aber er spricht mir mein Sprachgefühl ab, bezeichnet meine Formulierungen als ungeschickt und so weiter. Sich auf Fachebene auseinanderzusetzen, bringt wenig. Es ist immer und immer wieder dasselbe. Ich muss mich für die selbstverständlichsten Dinge rechtfertigen. Und natürlich ist es so, dass er (sprich Vollzeit, männlich, kinderlos, älter als ich) die unausgesprochene Führung über mich hat, obwohl wir eigentlich auf einer Ebene stehen.

Dazu kommt, dass deren politische Einstellung mich wahnsinnig macht. Gebe ich mal irgendwas zu bedenken, geben sie mir das Gefühl, eine linksradikale, nicht ernstzunehmende, jugendlich-naive, unerfahrene Person zu sein. Selbst stehen sie auf dem Standpunkt, dass die politischen Entwicklungen irgendwie nachvollziehbar sind. Natürlich will niemand die AfD. Aber. Die vielen liberalen Reformen (Richtung Emanzipation, sexuelle Ausrichtung, Integration usw.) hätten einen großen Teil der Bevölkerung abgehängt, und nun müsse man sich nicht wundern.

Auch nicht gerade hilfreich ist, dass alle Kolleginnen und Kollegen (mit Ausnahme einer Karrieretussi und unempathischen Einzelkämpferin) kinderlos sind. Morgens gibt es erst mal immer eine längere Besprechung ungefähr aller Fernsehfilme vom Wochenende, und deswegen sind ja alle so müde. Und überhaupt komme man zu gar nix. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, um weder sarkastisch zu lachen noch loszuprügeln, zu belehren oder sonst was. Stattdessen bin ich immer die, die nicht mitreden kann („Haben Sie den Tatort nicht gesehen?“), weil hier vor 22 Uhr kein Feierabend in Sicht ist und dann noch der Haushalt wartet. Die Höhe aber war, als Coco heute kurz bei mir auf der Arbeit war und keiner verzückt war. Ja, ich weiß, ich bin da vielleicht ein bisschen parteiisch. Aber trotzdem.

Und dann das: Begeisterung!

Neulich war ich im Kindergarten, um das anstehende Sommerfest vorzubereiten. Wir machen ein Impro-Theater (Sinn und Zweck: Die Eltern machen sich zum Affen, damit die Kinder Spaß haben, ich spiele übrigens den Kleinen Vampir Rüdiger von Schlotterstein). Um nicht total verkopft in die Planung einzusteigen, hat die Mama eines Kindes eine kleine Einheit mit uns sechs Eltern gemacht. Sie ist Theaterpädagogin. Und während dieses zweistündigen Mini-Workshops hatte ich endlich mal wieder das Gefühl, ich selbst sein zu können, dass es nur so knallte. Mir ist schon klar, dass ich ein emotionaler Mensch bin, und ich weiß auch, wie gerne wir spielen, Rampensäue sind, gerne in andere Rollen schlüpfen etc. Aber es kam noch ein anderer Gedanke. Vielleicht wäre ich auch besser Theaterpädagogin geworden. Vielleicht sollte ich besser einer lebendigeren, extrovertierterenTätigkeit nachgehen. Mir würde das, glaube ich, Spaß machen. Mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, mit Erwachsenen, mit sozialen Randgruppen. Und warum soll ich das nicht machen? Nirgendwo steht, dass man ein Leben lang denselben Beruf ausüben muss. Es ist fast ein Gedankentabu, aber warum soll ich nicht das machen, was mir Spaß macht?

Allen, die sagen: „Nur wer für etwas brennt, kann ausbrennen“, antworte ich: „In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst.“

Das bedeutete natürlich, noch einmal zu studieren. Noch mal Jahre lang. Nichts verdienen, höchstens über Zusatzjobs (wann noch?), allerdings diesmal alles mit Kindern. Und zwar nicht hier, sondern irgendwo in einer Stadt weit weg, wo wir uns alles neu aufbauen müssten. Denn Theaterpädagogik kann man nur in einer Hand voll Städte studieren.

Und bekommt man eigentlich als Theaterpädagogin einen Job? Man wäre vermutlich freiberuflich tätig. Und was wäre mit einem Baby? In einem Studium, neben zwei weiteren Kindern, irgendwo, wo alles neu ist, wo Karl vielleicht weiter pendeln müsste, um dann als Alleinverdiener das Familieneinkommen ranzuschaffen? Nachts um vier aufstehen, um an der Hausarbeit weiterzuschreiben?

Was würde das alles mit meiner Belastungsgrenze machen?

Kennt Ihr dieses Gefühl, wie ein Kaninchen vor der Schlange zu stehen? Und schon nicke ich in der nächsten Fernsehbesprechung wieder stumm.

Sepp Karachow hat neulich über Mut geschrieben. Sind es nicht die Menschen, die wir bewundern, in der Hoffnung uns selbst einmal so zu fühlen? Die Menschen, die es wahrmachen, die losgehen, die ihren Weg gehen, der im Gehen wie durch ein Wunder entsteht.

Was hält uns ab? Die Angst zu versagen? Die Schatten der Vergangenheit? Die Empfehlung, bescheiden und mit dem zufrieden zu sein, was man hat?

Wir haben Bekannte, die sind als Familie mit drei kleinen Kindern und die Frau im neunten Monat mit dem vierten Kind schwanger mitten im Bürgerkrieg aus dem Kongo geflohen. Die beiden strahlen eine solche Zuversicht und ein solches In-sich-Ruhen aus, dass einem schwindlig werden kann.

Ich meine, ich will ja nicht in den Bürgerkrieg und im Badezimmer hinter der Tür meinen Kleinkindern den Mund zu halten, damit die Rebellen, die gerade in meinem Haus umherschießen, keinen Verdacht schöpfen, dass wir doch da sind. Ich will nur beruflich etwas Anderes machen. Ich will nur in Eure Nähe ziehen, am besten so nah wie möglich, am liebsten mit Euch eine Kommune gründen. Ich will nur ein Baby. Ein Baby, dessen große Schwester Maple den Namen unserer Bekannten trägt.

Eure Mo

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