Warum ich seit zwei Jahren scheinschwanger bin?

"Ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass du schwanger bist?" ist ein Satz, den ich regelmäßig zu hören bekomme. Das Vögelchen ist meine Tochter Tiffy. Weil sie sich von ganzem Herzen ein Geschwisterchen wünscht, pflegt sie eine Reihe von Spezialinteressen und bringt mich öfter in Verlegenheit....

 

 

Meine Tochter wird demnächst vier Jahre alt. Da ja alle Kinder hier bei 2KindChaos einen coolen Namen bekommen, soll meine Tochter Tiffy heißen.[1] Tiffy ist ein Kind mit einigen, nun, nennen wir es „Spezialinteressen“.

Es begann, als Tiffy etwa anderthalb Jahre alt war. Eine gute Freundin hatte grade ihr zweites Kind bekommen und wir waren zu Besuch. Während das erste Kind der Freundin nicht unbedingt als außerordentlich begeistert über den Familienzuwachs bezeichnet werden konnte, war Tiffy mit ihren anderthalb Jahren sofort hin und weg von allem: Vom Baby und fast noch mehr vom Babyzubehör. Besonders der Maxicosy hatte es ihr wirklich angetan.

Im folgenden Jahr entwickelte Tiffy ihre Sprachfähigkeit und sobald sie die notwendigen Worte gelernt hatte, sagte sie mir:„Mama, ich will ein Bruder. Bruder Jakob.“ Ich meine, das ergibt Sinn, denn wer wünscht sich nicht ein Baby, das zur Mittagszeit noch schläft?

Obgleich wir beim Kauf von Spielzeug ziemlich zurückhaltend sind, war der Erwerb einer Puppe bald unumgänglich. Inzwischen gibt es sechs Puppen, zwei Puppenwagen, einen Buggy, ein Puppenbett, einen Maxicosi, eine Tragetasche, mehrere Fläschchen, Töpfchen, Tellerchen, etc. Ein bedeutender Teil dieser Ausstattung verdankt Tiffy der Großzügigkeit ihrer Oma.

Die Faszination für Babys und der Wunsch nach einem Geschwister sind konstant und das Thema wird täglich besprochen:

„Mama, wann kommt mein Geschwister?“

„Mama, ich glaube du bist schon ein kleines bisschen schwanger, weil du schon ein kleines bisschen einen dicken Bauch hast.“

 Gleichzeitig mit dem immer detaillierteren Wunsch nach einem Geschwister erwächst in Tiffy ein immer detailliertes Interesse an Schwangerschaft und Geburt. Ihre Lieblingsvideos auf YouTube sind die frisch geborenen Zwillinge, die im Bad miteinander kuscheln und ein Tutorial von einer Zwillingsmutter, wie man Zwillinge im Tragetuch trägt. Ein weiterer Hit ist die Sendung mit der Maus darüber, wie ein Baby entsteht. Die Protagonistin, Michaela, ist inzwischen wie ein Familienmitglied für uns, über das zeitweise täglich gesprochen wird.[2]

Auch alle halbwegs altersgerechten Kinderbücher zum Thema Schwangerschaft und Geburt haben wir inzwischen mal in der Stadtbücherei entliehen. Jedoch finden nur jene Tiffys Gefallen, die ausreichend auf medizinische und biologische Details eingehen, wie Ultraschall, Kaiserschnitt, Spermien, Eizellen, Embryos, etc.

 

Die schwangeren Kita-Mütter

Die Entwicklung von Tiffys Spezialinteresse wurde erheblich befördert, als etliche Mütter von Kindern in Tiffys Kita schwanger wurden. Das Thema Schwangerschaft wurde dann mit besonderem Augenmerk belegt, die Erzieherinnen hatten extra ein Lagenpuzzle zu Schwangerschaft besorgt und das Thema verstärkt besprochen. Tiffy, obgleich noch immer nicht mit einer schwangeren Mutter gesegnet, war ganz vorn mit dabei. Ich wurde u.a. Zeugin des folgenden Dialogs zwischen einer schwangeren Mutter und einer Erzieherin:

Mutter: “Streiten sich eigentlich die Kinder der schwangeren Mütter um das Puzzle?”

Erzieherin: “Ja, da muss ich schon häufiger mal sagen: Tiffy, du hast das Puzzle jetzt schon zehn Mal gemacht, jetzt ist die Laura dran!”

Mutter: “Und erzählen die Kinder auch davon, wie sie die Schwangerschaft erleben?”

Erzieherin: “Also die beiden Kleineren nicht, wir hören gelegentlich, dass sie sich untereinander darüber unterhalten, aber uns erzählen sie direkt nichts. Aber der Große und Tiffy, ja, also die erzählen viel von der Schwangerschaft und was da grade so passiert.” o_O

Dazu sollte man unter Umständen wissen, dass Tiffy jünger ist, als alle Kinder in der KiTa, die in letzter Zeit ein Geschwister bekommen haben. Dennoch erzählt Tiffy den Erzieherinnen zum Beispiel:

“Der Embryo ist grade so groß, dass er in eine Wallnuss passt.”

Wenn wir irgendwo hin kommen, etwa zum Arzt, zu Freunden oder in ein Geschäft mit persönlicher Beratung, dann ist es völlig normal, dass Tiffy über kurz oder lang unser Gegenüber aufklärt:

„Ich bekomme bald ein Geschwister.“

Am Anfang habe ich dann immer rumgestottert, wie ein Schüler, der sein erstes Referat hält, aber inzwischen nicke ich nur noch wissend und sage:

„Ja, aber schwanger bin ich noch nicht.“

So einmal in der Woche hat Tiffy einen Anfall von tiefer Traurigkeit und Wut, weil ich noch nicht schwanger bin. Ich plane zurzeit keine Schwangerschaft und möchte Tiffy diesbezüglich auch nicht anlügen. Aber diese Ehrlichkeit bezahle ich mit ständigen Diskussionen darüber warum nicht, wann denn dann und wie lange es bis dahin denn noch dauert.

 

Der Tag der offenen Tür in der Wöchnerinnenstation

Am Tag der offenen Tür haben wir gemeinsam den Kreißsaal und die Wöchnerinnenstation besichtigt. Tiffy spielte dort ausdauernd mit einem Fetusmodell mit Plazenta und Nabelschnur, sowie einem Modell eines weiblichen Beckens. Gefühlte einhundert Mal haben wir diese Fetuspuppe durchs Becken geschoben. Als wir rausgeschmissen wurden, weil der Tag der offenen Tür zu Ende war, gab es ein riesen Theater. Ob sie nicht wenigstens das Fetusmodell mit Plazenta und Becken mitnehmen könne. Leider bestanden die darauf es zu behalten.

In den folgenden Wochen mussten meine Hände viele hundert Male die Form eines Beckens simulieren, damit Tiffy ihre Puppen dadurch schieben konnte. Ein eigenes Fetusmodell zu kaufen, war mir zu teuer und ich finde es auch ein wenig… naja… speziell für ein dreijähriges Kind.

Ausgehend vom Interesse für Geburten entwickelte Tiffy, die per Kaiserschnitt geboren wurde und zeitweise die Geschichte ihrer eigenen Geburt mehrmals täglich erzählt bekommen wollte, zusätzlich ein allgemeines Interesse an Verletzungen und Operationen. Sie weiß inzwischen Bescheid über jede Geburt, jede Operation und jede Verletzung, von der ihr die Verwandtschaft und unsere Freunde erzählt haben. Verletzungen, die nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten, findet Tiffy eher enttäuschend.

Immer wieder sagen Leute zu mir: „Also Tiffy wird später bestimmt mal Hebamme, Ärztin oder Krankenschwester. Darauf würde ich wetten.“ Ich nehme keine Wetten an. Und ich frage mich gelegentlich, ob unser komplettes Umfeld auf Tiffys Spezialinteresse genauso begeistert und positiv unterstützend reagieren würde, wenn sie ein Junge wäre.



[1] Tiffy ist bekanntlich die drittcoolste Hexe der Scheibenwelt. Die coolste ist unbestritten Nanny Ogg. Oma Wetterwachs ist die zweitcoolste, direkt gefolgt von Tiffy Weh. Ich bin ja eher so, wie Oma Wetterwachs vielleicht geworden wäre, wenn sie Ridcully geheiratet hätte, was irgendwie uncool ist. Leider ist mein Mann nicht Erzkanzler und wird auch nie einer werden. Aber Mustrum wäre bestimmt auch nie Erzkanzler geworden, wenn er Oma geheiratet hätte. Ich schweife grade zu sehr ins Hypothetische ab…

[2] An dieser Stelle: Liebe Michaela, falls Du dies mal irgendwann liest, sei herzlich gegrüßt und übrigens, wegen Dir möchte Tiffy nach Köln ziehen.

 

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