Geschwister. Eine Geschichte von innerfamiliärer Ablehnung

“Pack schlägt sich - Pack verträgt sich” - sicher kennt ihr diesen Satz, und auf die meisten Geschwisterkinder dürfte er ganz gut zutreffen. Auf meine beiden Mädels trifft er definitiv zu! Sie zanken um Spielzeug, um den grünen Plastikbecher, um den gelben Waschlappen - doch auch, wenn es dabei in aller Regel recht hoch her geht, spielen sie kurz darauf einträchtig, umarmen sich, laufen Hand in Hand und singen gemeinsam. Wenn sie sich abends, kurz vor dem Einschlafen, noch einmal aneinanderkuscheln, fühle ich nicht selten Tränen in den Augen, vor Rührung und Dankbarkeit und Liebe. Wie es sich anfühlen kann, wenn diese “Happy Endings”, wie auch immer geartet, fehlen - davon möchte ich euch heute erzählen; die Entscheidung, ob ihr es lesen möchtet, liegt bei euch.

 

Bildrechte: 2KindChaos, Friederike Rella

 

Als ABC-Schütze hatte ich, das muss ich zugeben, keinen blassen Schimmer, wieso meine Eltern ein zweites Kind bekamen; eigentlich war alles so, wie es war, ziemlich prima. Ich weiss noch, dass von mir erwartet wurde, dass ich mich freue - an mehr kann ich mich, was die Schwangerschaft meiner Mutter angeht, wirklich nicht erinnern. Ich habe kein Bild von ihr vor Augen mit “Kugelbauch”, keine Erinnerung daran, dass ich diesen Bauch je berührt hätte, ich weiss nichts mehr von Vorbereitungen oder gar Vorfreude auf das Baby - es ist, als hätte sich an dieser Stelle so etwas wie eine “geistige Sperre” errichtet, ein Totholz, das ich vielleicht in meinen Träumen überklettern kann - vielleicht. Mein Therapeut findet das sehr bedenklich.

Meine Erinnerung setzt mit dem Tag ihrer Geburt ein: sie schrie. Und ich fand sie bei weitem nicht so niedlich, wie der Rest der Familie permanent versicherte. Man hatte mir erzählt, sie sei ein kleiner Spielkamerad für mich, aber sie war winzig und lag nur auf dem Rücken. Spielkamerad? Ich stand der Sache mit einigem Abstand gegenüber und wartete ab.

Die Babyzeit war anstrengend - für meine Mutter, die in meinem Vater nicht übermäßig viel Unterstützung hatte, aber auch für mich, denn nach unruhigen Nächten ich war nun in der Schule immer sehr müde. Dass ich doch schon “so groß” sei wurde mir in vorwurfsvollem oder wütendem Tonfall mitgeteilt - wenn mir etwas nicht gelingen wollte, ich Hilfe erbat oder gerne Gesellschaft beim Malen und Basteln gehabt hätte. Denn da war nun “die Kleine” - ich war abgemeldet und fühlte mich wahnsinnig einsam.

“Die Kleine” wurde größer, und auch die Familie fand sie nun nicht mehr ganz so niedlich: ein lautes Kind, das es nicht ertragen konnte, wenn es nicht permanent im Mittelpunkt stand und sich nichts sagen ließ. “Prinzessin”, wie ich sie insgeheim immer mit sehr gehässigem Unterton nannte. Meine Eltern, aufgerieben zwischen Familie, Hausbau und Job, ließen ihr viel durchgehen, der Familiensegen stand permanent Kopf. Auch sie wurde oft geschlagen, doch im Gegensatz zu mir hielt das sie nicht davon ab, unerwünschtes Verhalten (nicht selten gar verstärkt) fortzusetzen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dem so war, doch es schien tatsächlich, als würde ihr die obligatorische “Tracht Prügel” überhaupt nichts ausmachen.

Meine Mutter erkannte, dass ihre “Strategie”, wenn man Prügel denn so nennen möchte, nicht den gewünschten Effekt erzielte, sie kündigte eine Änderung ihrer Vorgehensweise an: sobald meine Schwester Schimpfworte benutzte (die sie im Kindergarten aufgeschnappt hatte), dann wurde ich dafür zur Rechenschaft gezogen - denn sie war schließlich ein unschuldiges Kindergartenkind und ich schon in der Schule, also konnte sie diese Ausdrücke ausschließlich von mir gelernt haben. Sehr logisch, oder?

Das war der Beginn einer ganz neuen Ära für mich, denn ich werde nie den glückseligen Gesichtsausdruck der “Prinzessin” vergessen, wenn ich geschlagen wurde - von da an benutzte sie deutlich mehr Schimpfworte als zuvor. Sie war nicht nur froh, dass sie es nicht abbekam - sie schien es sehr zu genießen, wenn mir der Schmerz zugefügt wurde, schmuste mit meiner Mutter, während ich heulte, und optimierte nun Fertigkeiten wie “Petzen”, “Lügen” und “anderen Dinge in die Schuhe schieben”, um das möglichst oft erleben zu können. Ich begann, sie zu hassen.

Rückblickend betrachtet sehe ich natürlich, dass die ganze Familie - meine Eltern voran - grobe Fehler gemacht haben, die ein wahnsinnig schlechtes Verhältnis zwischen den Geschwistern tagtäglich nicht nur begünstigten, sondern quasi bedingten. Insofern ist es unfair, ihr allein den schwarzen Peter zuzuweisen - im Grunde genommen war niemand unbeteiligt daran, dass alles so lief, wie es lief.

Aber ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch so etwas wie einen Kern hat, ein unveränderliches Innerstes, das auch durch Erfahrung und Erziehung nicht verformt werden kann. Und dass Menschen sich in diesem Kern nicht ändern. Meine Eltern haben zwei Töchter, und der Kern dieser anderen Tochter ist, und davon bin ich überzeugt, böse. Sie ist ein böser Mensch, der eine wahnsinnige Zufriedenheit daraus zieht, andere unglücklich zu sehen; eine Expertin in Sachen Mobbing, die unwahre Gerüchte streut, Parteien gegeneinander aufhetzt - und ihr Opfer dabei lächelnd in die Arme nimmt. Sie genießt es, die Welt brennen zu sehen und währenddessen ihre eigenen Vorteile zu sichern, wo immer das geht. Sind Menschen ihr nicht mehr von Nutzen, wirft sie sie weg wie leere Plastikbecher - Freunde, Familie, Partner. Sie lügt und geht dabei sprichwörtlich über Leichen - und am schlimmsten war für mich immer, wie offensichtlich und wie unumwunden sie das genießt.

“Schwester”, allein das Wort widert mich an. Genauso, wie ich es irgendwann nicht mehr über mich bringen konnte, sie anzufassen, ihr die Hand zu geben oder gar ein Küsschen - mein Ekel hätte nicht größer sein können, wäre ich mit einer Spinne im Mund aufgewacht. Mein direktes Umfeld geht davon aus, dass ich ein Einzelkind bin - weil ich auf die Frage “Hast du eigentlich Geschwister?” mit “Nein” antworte. Da war kein Geschwisterkind, mit dem ich gespielt und selig unterm Weihnachtsbaum gesessen, mit dem ich mich vielleicht gegen Mama und Papa verbündet und einen Tanzclub gegründet hätte; da war kein Geschwisterkind, das mich getröstet hätte, wenn es mir schlecht ging, oder das mir Mut gemacht hätte, wenn ich Angst hatte. Die emotionalsten Gefühle, die wir füreinander aufbrachten, waren, denke ich, Ablehnung und Neid. Ich habe keine Schwester, und bis heute schließt sich eines in meiner Gedankenwelt aus: dass jemand, der mich mag, diese Person ebenfalls mögen kann - und umgekehrt.

Ich bin in keiner Weise der Meinung, Blut sei dicker als Wasser, und die verwandtschaftliche Beziehung zwischen uns wiegt bei weitem nicht auf, was war. Und es war so viel, so viel mehr, als ich hier wiedergeben könnte; denn das meiste liegt hinter meinem geistigen Schutzwall vergraben, ich will mich gar nicht mehr daran erinnern. Die wahnsinnig strengen Strafen, die ich für Dinge kassierte, die ich nicht getan hatte; das Messer, mit dem sie mich bewarf; die Eintracht, mit der meine Eltern sich mit ihr ab einem gewissen Punkt präsentierten, ihre gemeinsamen Urlaube und Feiern, zu denen ich nicht eingeladen war und die Traurigkeit, dass ich nicht dazugehörte, nie dazugehört hatte. Vielleicht sollte ich aus heutiger Perspektive eher so etwas wie Mitleid für sie empfinden, aber das ist unmöglich. Ich habe ihr hundertfach vergeben, aufgrund von Kleinigkeiten, lichten Augenblicken, doch das Maß war voll. 

Ich habe den Kontakt zu ihr vor etwa 10 Jahren final beendet. Kein Aufhebens darum gemacht, sondern sie vollständig aus meinem Leben gestrichen. Ich wünsche ihr nicht den Tod, doch wäre mir ihr Ableben egal. Sollte irgendwann in diesem Leben Kommunikation nötig sein, wird sie über Anwälte laufen.

Unter dem Hashtag #geschwisterplüsch stolpere ich auf Twitter manchmal über Tweets, in denen Eltern voller Rührung Zitate oder Fotos ihrer Kleinen zeigen: wie sie sich gegenseitig helfen, sich gegenseitig füttern, füreinander einstehen und gemeinsam Spaß haben. Ich liebe diese Tweets und kann mich daran kaum satt sehen, und ich möchte diese Eltern gerne umarmen und ihnen sagen: ihr macht da etwas ganz grundsätzlich richtig. Macht das weiter so und klopft euch ruhig auch mal selbst auf die Schultern. Das alles ist nicht selbstverständlich.

Bullshit Bingo: Morgens mit den Kindern aufstehen ...
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