„High Need“ oder alles nur Einbildung?

Maple ist jetzt 4,5 Jahre alt. Die schwierige Zeit ist überstanden, und es gibt Tage, das frage ich mich, ob das doch alles nur Einbildung ist, dass ich ein bzw. zwei High-Need-Kinder habe. Maple ist ein ganz normales Kind. Coco ist im Vergleich zu Maple in ihrem Alter frech und selbstbewusst. Wir besuchen andere Familien, und die Kinder spielen wie in einer Ikea-Werbung. Überhaupt ist alles wie in einer Ikea-Werbung. Was will ich überhaupt? Und dann kommt so ein Tag wie heute. Und der bringt mich dann doch zum Bloggen.
 
 
Nähe macht stark
 
 
Die letzten drei Tage haben wir bei Lars und Chris F. und ihren beiden Kindern (2 Jahre bzw. 9 Monate, gefühlt: 3 und 1,5 Jahre verbracht). Maples Anfangsschüchternheit betrug ca. 40 Sekunden. Die Kinder verhielten sich … nahezu wahllos in der Wahl des Erwachsenen bei der Frage, wer trösten darf. Ich atme das Gefühl von Unbeschwertheit, und das geht über in Selbstzweifel: Was hab ich nur immer?
 
 

Kinder-Brunch: Juhu! Nicht

Einen Tag später. Ein Freund von Karl hat zum Brunch eingeladen. Kinderfreundlich. Alle (der Gastgeber selbst sowie die weiteren anwesenden drei oder vier Familien) haben Kinder im Alter zwischen 1 und 6. Die Gästeanzahl ist überschaubar, das Haus nicht unbekannt. Wir kommen rein, Maple verschanzt sich unbeweglich hinter meinem Bein und weigert sich, die Garderobe zu verlassen. Ein Kind rennt an uns vorbei, mit einer Maske auf und erschießt uns mit einer Pistole. Bereits einige Tage zuvor, als ein Mädchen im Kindergarten aus Duplosteinen ein „L“ gebaut hatte, es verkehrt herum hielt, mit kurzem Ende zu uns gerichtet, und erklärte „Das ist eine Maschine (-npistole), ich erschieße Euch!“ brach Maple in Tränen aus: „Ich will nicht erschießt werden!“. Coco befindet sich im Haus des Brunch-Gastgebers auf Karls Arm und klammert sich fest. So weit nicht ungewöhnlich, und ich will auch keine Diskussion über altersgerechtes Verhalten aufmachen.
 
Die Kinder gehen, bevor sie räumlich die kleine Gesellschaft erreichen, sofort die vorher abgehende Treppe hinauf, wo sich die beiden Kinderzimmer der Gastgeber, das Schlafzimmer und das Bad befinden. Hier oben ist niemand. Die Kinder fangen an zu spielen.
 
Nach einer Zeit sage ich, dass ich jetzt gern die Leute unten begrüßen würde und locke mit dem (wirklich tollen) Buffet. In engstem Körperkontakt schaffen es Maple und Coco mit mir in die untere Etage. Beide bekommen einen Teller mit Lieblingsessen. Am Kindertisch in der Küche ist mit Kindergeschirr gedeckt, die Erwachsenen sitzen im Wohnzimmer. In der Küche ist auch das Buffet aufgebaut, wo ein paar Erwachsenen stehen, sich bedienen und unterhalten. Ein paar wilde Kinder sausen herum. „Oh, ist die Musik ausgegangen?“, fragt der Gastgeber und startet die Hard Rock-CD, die als Hintergrundkulisse in der Küche dient, neu. Karl steht zwischen Coco und Maple am Kindertisch, während ich im Wohnzimmer ein paar Worte mit unseren Freunden wechsle. Nach kurzer Zeit kommt Karl mit der weinenden Coco auf dem Arm.
 
Es ist nicht besonders schwer zu erraten, was los ist. „Alles zu viel? Zu laut?“ frage ich sie auf meinem Arm. Sie weint erleichtert weiter, atmet tief ein und legt ihr Köpfchen an meine Brust. „Brust haben!“ Ein paar Schlücke Milch, dann hat sie aufgetankt und interessiert sich für meinen Teller. Sie nimmt all die Stimmen wahr, sieht die Erwachsenen und fängt wieder an zu weinen. Inzwischen kommt Maple: „Mama, gehst Du mit mir oben spielen?“ Karl geht mit ihr nach oben. Coco weint. Ich frage sie, ob wir auch nach oben gehen sollen. „Oben (s)pielen.“ Wir gehen nach oben, sie will mit mir kuscheln, im (natürlich interessanten) Hochbett. Außerdem sagt sie „aua“ und zeigt auf ihren Bauch. Und weint. Wir kuscheln auf der Matratze. Ist aber irgendwie auch nicht richtig. Alles ist blöd, alles ist falsch. Dieses Kind ist irgendwie aus dem Gleichgewicht. Wir suchen Dinge zum Spielen, aber alles ist falsch. Konstant ist nur das Weinen. „Hause“, sagt Coco. „Hause gehen!“, immer wieder.
 
Die Kombination aus alles zu viel, zu laut, müde (? Coco ist seit 3,5 Stunden wach) und Bauchweh ist natürlich blöd. Und das Umfeld dafür nicht passend. „Hause“ ist die einzig richtige Antwort, die man darauf geben kann, und Coco gibt sie mit 2 Jahren sehr kompetent.
 
 

Was hat sie denn?“

Was hat sie denn?“ fragen unten Stimmen. Stimmen von Eltern, deren Kinder im Alter von 1, 2, 5 und 6 fröhlich spielend vertieft oder wild umherspringend und zwischendurch Croissant essend, den Vormittag genießen. „Ja, was hat sie?“ Es ist auf einmal still, und ich denke, warum nicht eine ehrliche Antwort? „Kennt Ihr das Konzept 'hochsensibel'?“, frage ich, wohl wissend, dass da vermutlich andere Eltern zusammen sitzen als hier gerade mitlesen. Ich erkläre in einem Satz, dass manche Menschen mehr wahrnehmen, wie durch einen Verstärker, oder, andersherum, keine Wahrnehmungsfilter eingebaut haben. Denen sei schnell alles zu viel. Ah, halb-interessierte Blicke. „Du kannst sie auch gerne oben in Emmas Gitterbett legen, man kann da auch verdunkeln“, schlägt der Gastgeber vor. Der Gedanke, dass ich Coco in dem Zustand, selbst in allerbestem Zustand, in ein Gitterbett legen könnte, ist so absurd. Dann die Nachfrage: „Aber Maple darf jetzt alles essen, oder?“ Ja, sage ich freudig, inzwischen kann sie alles essen. Ich schätze diese Nachfrage, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass da schnell Dinge zusammengewürfelt werden, die nicht zusammengehören, unter der Überschrift „Die mit den schwierigen Kindern“.
 
Wir sind erst eine halbe Stunde oder 40 Minuten da und kündigen an, wieder zu gehen, weil … weil … ja, was ist eigentlich eine gesellschaftlich akzeptierte Begründung? „Weil dieses Setting zu viel für unsere Kinder ist“ sicher nicht. Es würde auch wie ein Vorwurf klingen, und das ist es nicht. Es ist schlicht und ergreifend so gerade für uns nicht kompatibel. Was, wieso, warum nicht? Alle Kinder fühlen sich wohl, alle können so schön miteinander oder auch alleine spielen, lösen Konflikte untereinander, es ist für jeden was dabei, es gibt einen Garten, Auslauf, jede Menge tolles Spielzeug, alle können sich frei bewegen. Karl sagt: „Irgendwie geht’s Coco nicht gut. Vielleicht brütet sie auch was aus.“ Das finden alle sehr einleuchtend und sehen plötzlich, dass Coco auch ganz schön blass aussehe und sicher krank werde. Da ist ja dann so ein weinerliches Verhalten ja auch kein Wunder. Unter großem Verständnis und Gute-Besserungs-Wünschen werden wir verabschiedet.
 
Kaum sind wir aus der Tür, geht es Coco höchst überraschend wieder gut. Sie sieht auch gar nicht mehr blass aus. Sie ist etwas müde, ja, aber halt nur müde. Maple sammelt zwei Eicheln und plant die nächste Bastelaktion mit der Tochter von Lars und Chris und erzählt mir, dass sie sich bei meinem Geburtstag als etwas Gruseliges verkleiden möchte. Wir setzen uns ins Auto, ich sitze hinten zwischen den Kindern. Nach 20 Minuten ist Coco friedlich, wie immer mit ihrer Hand in meinem Ärmel, mich kraulend, eingeschlafen. Maple freut sich auf den Piratenspielplatz.
 
 

High-Need-Kinder

Und was sagt mir das nun? Es gibt ja die Auffassung, dass das Charaktermerkmal „hochsensibel“ eigentlich Quatsch sei und dass man nicht alles pathologisieren soll. Alle Kinder seien sensibel, es werde ihnen nur unterschiedlich aberzogen. Es gibt daneben das Konzept von „High Need“-Kindern, die einfach mehr brauchen als andere, die sich mehr versichern müssen, die ihr steinzeitliches Erbgut noch deutlicher spüren als andere Kinder. Früher hat einzig die enge Bindung an Mama/Papa das Überleben garantiert. Alleine zu schlafen, wäre schlicht lebensmüde gewesen. Noch heute sind die Reflexe eines Neugeborenen diejenigen, die dafür sorgten, in Notsituationen sofort zuzugreifen (sich an Mamas Rückenfell festzukrallen), um auf der Flucht nicht verlorenzugehen.
 
Es gibt unterschiedliche Zugänge, unterschiedliche Erklärungsmodelle. Der von mir hoch geschätzte Entwicklungspsychologe Rüdiger Posth schreibt, dass etwa 5 Prozent der Kinder mit einem (nicht zu bewertenden) „schwierigen Temperament“ auf die Welt kommen. Das sind die Babys mit enormen Bedürfnissen, die ihre Eltern an den Rand der Erschöpfung bringen. Genauso gibt es, ebenfalls etwa 5 Prozent, besonders pflegeleichte Babys, die unkompliziert erscheinen, sich früher und besser selbst regulieren können, die weniger brauchen.
 
Das Merkmal „hochsensibel“ verläuft nach meinem Eindruck quer dazu. Ich zum Beispiel bin hochsensibel, war aber früher wohl kein High-Need-Kind. Ich kenne andersrum Kinder, die meinem Eindruck nach nicht hochsensibel sind, aber trotzdem high-need sind mit enormen, unverhandelbaren Bedürfnissen – nicht zu verwechseln mit Wünschen.
 
 

Eltern von High-Need-Kindern: emotional isoliert

Häufig sind die Eltern von High-Need-Kindern am Limit und fühlen sich allein, zweifeln an sich, und vielleicht fragen sie sich auch: „Warum unser Kind? Was machen wir falsch?“ Die erste Frage habe ich mir Gott sei Dank nie gestellt. Mit der Geburt meines ersten Kindes wurde auch ein für mich unfassbares Mama-Selbstbewusstsein geboren, wofür ich unendlich dankbar bin. Damit meine ich kein Selbstbewusstsein, das es mir ermöglicht, immer zufrieden mit mir als Mutter zu sein. Bei Leibe nicht! Sondern ich meine, dass ich mir bezüglich meiner Kinder kein X für ein U vormachen lasse und dass mich nichts und niemand in meiner sehr starken Intuition verunsichern kann. Kein Kinderarzt, kein Doktortitel, nichts. Die zweite Frage: „Warum gerade unser Kind?“ habe ich mir allerdings sehr oft gestellt. So oft, um nicht zu sagen: immer habe ich mich als Alien gefühlt. Weil schlicht ALLE Kinder um uns herum „normal“ waren. Viel weniger brauchten. Mit weniger zufrieden waren. Weil bei denen tausend Dinge möglich waren, die bei uns schlicht und ergreifend nicht gingen.
 
Und heute wird das Verhalten meiner Kinder, das ich (als Hochsensible) gut verstehen kann, komisch gefunden. Es werden Erklärungen gesucht. Denn die Abweichung von der Norm kann ja nicht normal sein. Und Norm ist, was man sieht. Und was nicht möglich ist, findet nicht statt, sprich: Man sieht es nicht. (Den Satz: „Auf jede Mutter mit Cappuccino im Café kommen zehn Mütter, die zu Hause sitzen, weil es nicht möglich ist, das Haus zu verlassen“ habe ich viel zu spät gelesen.) Die Erklärung aber „Das Kind wird krank“ ist unmittelbar einleuchtend. Dahinter steht die Annahme: Ein Kind, das sich so verhält, kann ja nur krank sein.
 
Und damit seid Ihr es, liebe anderen Eltern von heute Vormittag, die mein Kind pathologisieren. Und nicht ich.
 
 

Anker, Rückzugsort und Zeit

Mein Kind kann mit dem viel gelobten, gesellschaftlich (inzwischen meist) anerkannten Kinderlärm nicht gut umgehen. Es kann mit so vielen Eindrücken auf einmal nicht umgehen. Es braucht einen Anker und einen Rückzugsort, um sich langsam daran zu gewöhnen. Und das braucht Zeit. Maple hat das inzwischen geschafft. Mit 4,5 Jahren. Sie ist jetzt so weit, dass sie oft nicht weiter als High-Need-Kind auffällt. Vielleicht weil ich ihr die Zeit gegeben habe, um sich in ihrem individuellen Tempo den Wahnsinnsanforderungen der Welt anzupassen. Sie ist immer noch hochsensibel und wird dies ihr ganzes Leben bleiben. Sie ist auch oft ängstlicher als andere Kinder, braucht für vieles länger. Aber alles in einem gesellschaftlich konformen Rahmen.
 
Auffällig bei meinen beiden Kindern ist: Wenn sie sich in einer sicheren Umgebung fühlen, in der Respekt und Rücksicht herrschen, wo Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse ernst genommen werden, sind sie die „normalsten“ Kinder der Welt. Wild, frei, laut, zutraulich, selbstbewusst und sicher, siehe zum Beispiel die letzten Tage.
 
Wenn ich mit Maple alleine unterwegs bin, ist es inzwischen oft herrlich unkompliziert. Mit ihr ist eigentlich alles möglich, und dieses Gefühl des Normal-Seins ist für mich nach all der Alien-Zeit ein sehr befreiendes. So traurig das ist, dass Normal-Sein so erstrebenswert ist. Es kommt daher, dass Nicht-Normal-Sein Alleinsein bedeutet. Unverstanden.
 
Es wäre anders gewesen, wenn eine größere Bandbreite von kindlichem Verhalten akzeptiert wäre. High-need ist auch normal. Eben anders normal. So wie blond oder brünett oder rothaarig. Und ebenso ist hochsensibel auch normal. Ebenso wie hochsportlich, hochemotional, hochintelligent, hochfröhlich oder hochgewachsen.
 
 

Gemeinschaft ändert alles

Für mich wurde es erst normaler, als ich einen, wenigstens einen! Menschen kennenlernte, dem es auch so ging. Und das war Frida Mercury. Alle ihre Texte auf ihrem Vor-Vorgänger-Blog handelten davon, dass es bei ihnen nicht normal lief. Dass einfach nichts möglich war. Und zwischen den Zeilen las ich in jedem Wort, dass – so sehr es sie anstrengte, dass ihr (damals einziges) Kind so war – sie ihr Kind richtig fand und über alles liebte. Dass sie es nicht in die gesellschaftskonformen Schablonen reinzwingen wollte. Weil es ihrem Kind nicht gut damit ging. Und immer, wenn sie sich von dem Gedanken verleiten ließ „Es klappt doch bei allen, ich versuche es jetzt!“, machte Peanut ihr einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich genial von der Natur. Das Kind beharrte auf seinen Bedürfnissen.
 
Die Gesellschaft von einer weiteren Mama, deren Kind so viel brauchte und einforderte, hat bei mir so viel verändert.
 
Heute schaue ich bewusst hin. Ich sehe jede Mutter, die, die Einkäufe im Buggy, ihr Kind durch die Gegend schleppt und einhändig den beladenen Buggy schiebt. Ich sehe die Kinder, die sich bei Ikea nicht wohlfühlen, egal, wie viele tolle Sachen es da gibt und egal, wie sehr ihre Eltern dem Ausflug gegenüber positiv und freudig eingestellt waren (entspannte Eltern – entspannte Kinder? Da kann ich nur lachen!). Ich sehe sie, die Kinder, die im Buggy schreien und raus wollen. Ich kenne Kinder, die nicht fremdbetreuungsfähig sind. Und wenn ich etwas höre, was bei anderen Kindern nicht geht, obwohl bei unseren schon, dann glaube ich das. Und ich bin dankbar dafür, dass es bei unseren möglich ist.
 
Ich sehe deren Eltern an und versuche, in meinen Blick alle Zuversicht und alles Mitgefühl zu legen und die Botschaft zu senden: Ihr seid nicht allein! Eure Mühen sind nicht umsonst! In vier Jahren ist es besser!
 
Eure Mo
Muss man sich von seinem Baby lösen können?
Vereinbarkeit oder aber: Wer zerreisst sich wann z...

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