Ich wurde mein Leben lang fremdbestimmt

Wie das kam, will ich euch erzählen. Ich glaube, jeder Mensch hat in seinem Leben Dinge mit- und durchgemacht, die für ihn schwer waren. Ich schreibe das alles deshalb, weil ich Mut machen will. Egal, was jemand erlebt hat, jeder kann für sich ein besseres Leben leben...
 
 
 


Ich wurde in einer typischen Mittelstandsfamilie geboren.

Meine Eltern hatten jahrelang versucht, ein Baby zu bekommen. Ein Jahr vor meiner Geburt hatte meine Mutter eine Fehlgeburt. Dann wurde sie mit mir schwanger. Sie hatte große Probleme, weil sie so unter der Übelkeit litt, dass sie ins Krankenhaus musste. Und ich war Schuld. So ist meine Mutter immer gewesen. Ich war schuld. Egal an was.

Ich kam auf die Welt als Kaiserschnitt. Ich war ein Schreibaby. Kein niedliches, kleines, süßes, ständig schlafendes und vor sich hin brabbelndes Baby. Im Kindergarten war ich auffällig. Ich haute, schubste die anderen Kinder, ich war schwierig. So sehr, dass die Kindergärtnerin mich rausschmeissen wollte.

Auf meinen Bruder war ich sehr eifersüchtig. Er war tatsächlich das Baby, was meine Mutter sich immer gewünscht hatte. Lieb, ruhig, verschlafen... ein Sonnenschein. Ich habe nie gezählt, wie oft ich mir anhören musste, ich solle doch so wie mein Bruder sein und meine Mutter nicht immer so fertig machen. Ich habe ihn gehasst und ihn das auch spüren lassen. Ein paar Narben hat er heute noch davon.
 


In der Grundschule war ich auffällig.

Ich hatte keine Freunde und war immer alleine. Meine Klassenlehrerin fand es toll, mich vor der ganzen Klasse runterzumachen. Die anderen Schüler fanden es toll, mich zu bedrohen und anzugreifen. Zuhause musste ich mir anhören, wie gestraft meine Mutter mit mir war. Warum ich nicht ein ganz normales Kind sein könne, oder, besser noch, wie mein Cousin. Hochintelligent, übersprang eine Klasse... oder die Kinder ihrer Arbeitskollegen, die Sonntags morgens frühstück machten, im Haushalt mithalfen und immer brav waren. Natürlich.

Ich war oft draussen. Alleine. Ich spielte an einem nahegelegenem Bach. Ich fing Fische und Frösche, kletterte auf Bäume... ich durfte nur nicht nach Hause, denn meine Mutter schlief nach der Frühschicht immer und wir durften sie nicht wecken.
Ich war auch im Schwimmverein. Da hatte ich sogar eine Freundin und ich habe das Schwimmen geliebt. Ich nahm sogar an Wettbewerben teil. Dann waren sie immer stolz auf mich. Wenn ich was geleistet habe, mit dem sie angeben konnten.
Ansonsten war ich auf mich gestellt.
Mir half niemand bei den Hausaufgaben, also machte ich nie welche. Und bekam dann Ärger.

Es war selten, dass meine Eltern mal was mit uns gemacht haben. Ausser Urlaube. Oder mal ein Spieleabend. Sonst waren wir drausaen. Mein Bruder bei seinen Freunden und ich bei meinem Bach.
 


Ab und zu bekam ich eine Tracht Prügel.

Mit der flachen Hand auf den nackten Hintern. Ich weiss nicht mehr, wofür. Ich weiss nur noch, wie ich weinend im Zimmer saß, alleine und auf meine Strafe wartete. Die meinem Vater mehr weh tat als mir. Ich kam dann zu einem Kinderpsychologen. Es wurde eine soziale Störung diagnostiziert. Das war es.

In der 5ten Klasse ließ ich mir die Haare abschneiden. Ich habe das Kämmen gehasst, ich habe die Badekappe gehasst, das tat immer irre weh. Meine Mutter weinte und machte mir schwere Vorwürfe. In der Schule war ich ab da nur noch "Läusekopp"

Ich konnte nie etwas richtig machen. In der Schule war ich nicht gut genug und natürlich eine Aussenseiterin. Zuhause war ich nicht gut genug, denn ich half nie mit, machte nur Ärger und meine Mutter betonte immer wieder und sehr gerne, dass sie mit den schlimmsten Kindern der ganzen Stadt bestraft sei.
 
Als ich 11 war, befummelte mich mein Onkel. Mein Vater sah es, tat aber nichts und das Thema wurde totgeschwiegen 

Den Schwimmverein musste ich aufgeben. Weil sie nicht mehr fahren wollte und ich angst hatte, die Strecke alleine im dunkeln zu fahren. Es ging durch einen Wald und unbeleuchtete Wege. Deshalb nahm ich etwas zu und zu "Läusekopp" gesellte sich "Fetti".
 


Ich haute immer öfter ab von Zuhause, ich versuchte mich umzubringen.

Mit 14 wurde ich vergewaltigt. Auch von einem Verwandten. Ich sagte es, aber niemand glaubte mir. Ich ging zum Jugendamt und bekam tierischen Ärger zuhause. Als die in der Schule das mitbekamen, wurde ich damit noch aufgezogen. Ich hatte dort zwei gute Freundinnen, aber selbst die konnten nicht viel gegen die Übermacht dieser Klasse machen.


Dann kam ich in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Meine Eltern fuhren in den Urlaub. Mit dem Vergewaltiger. Danach wurde es in der Schule etwas besser. Ich bekam sogar Freunde und eine Clique. Aber falsch machte ich trotzdem alles.

In der Ausbildung ging das Mobbing weiter. Aber irgendwie schaffte ich auch diese.

Immer habe ich das gemacht, was andere von mir erwarteten bzw habe ich versucht zu erraten, was sie wollten. Ich wusste zb, meine Mutter wollte, dass ich mehr im Haushalt helfe. Also tat ich es. Das war aber nicht genug.

Mein Bruder war mittlerweile zum Kiffer und Kriminellen geworden. Aber den Ärger bekam immer nur ich. Er auch, nur dass es ihn nicht interessierte. Mich verletzte es jedesmal sehr.


Ich geriet an Männer, die mir schadeten.

Einer war ein Lügner und Betrüger. Allerdings half er mir auch. Als ich 18 war, zeigte ich den Vergewaltiger an. Weil ich auf seinem PC Kinderpornos entdeckte. Mein Vater sprach daraufhin ein halbes Jahr nicht mehr mit mir. Zu diesem Zeitpunkt war er schon jemand, der sich jeden Abend mehrere Bier "gönnte". Ich zog mit dem Lügner zusammen. Und trennte mich, als ich seine ganzen Lügen aufdeckte.

Ich lernte einen neuen Mann kennen. Er war impulsiv und teils cholerisch. Dann wurde er verbal übergriffig. Meine Eltern meinten immer, ich bilde mir das nur ein und er sei doch so lieb. 
 
Wir bekamen ein Kind zusammen. Bei der Geburt traten Komplikationen auf, ich hatte mehrere kleine Schlaganfälle und wäre fast gestorben. Als es fast ein Jahr alt war, trennte ich mich zum ersten Mal. Auslöser war ein Wäschekorb, den er mir vor die Füße schmiss. Und eine Nacht, die ich mit einem Stock im Bett verbrachte, weil er meinte, er müsse sich betrinken, da er keinen Sex bekam.

Meine Eltern, mein Mann und ich hatten dann ein Gespräch. Ich war an diesem Tag zusammengebrochen, weil ich nicht mehr konnte. Ich hatte das Kind, ein Studium, einen Nebenjob, den kompletten Haushalt und noch immer Probleme von der Geburt. Meine Eltern meinten, ich sei zu dramatisch und natürlich könne ich ihn verlassen, aber sie würden mich nicht unterstützen. Also ging ich zu ihm zurück.

Es lief ein paar Monate gut, dann fing wieder alles von vorne an. Mehr und mehr drohte er mir und ich bekam immer mehr Angst. Egal, was ich tat, es war falsch. Ein Mustsr das ich schon kannte. Ein Jahr später, nach einem schlimmen Streit, ging ich wieder. Diesmal ins Frauenhaus. Meine Eltern brachte mich hin und ich musste mir die ganze Zeit anhören, was ich dem armen Kind damit antue. Aber ich hatte einfach nur noch Angst.

Und auch diesmal, trotzdem, ging ich wieder zurück. Ich weiss nicht mehr, warum.

Wir zogen in eine andere Stadt. Eine Stunde entfernt von meiner und seiner Familie. Ich hatte gehofft, dies sei ein Neuanfang. Leider war es das nicht. Er wurde diesmal sogar physisch übergriffig. Meine Eltern glaubten mir nicht und stellten mich sls Dramaqueen hin. Aber ich hielt es nicht mehr aus und ging wieder. Diesmal endgültig.

Dann folgte der Rosenkrieg. Ich wurde von meinem Vater bedroht, sollte ich das je auf dem Rücken von dem Kind austragen, würde er mir Ärger machen. Das stand aber nie in meiner Absicht. Mein (noch) Mann holte alles raus, was er kriegen konnte um mir zu schaden. Meine Eltern bedauerten immer nur das Kind. Und ich war alleine. Wie immer.

Mein Studium hatte ich da schon aufgeben nüssen. Es war mein Traum, aber ging einfach nicht mehr. Ich war arbeitslos, litt unter PTBS und Burn Out und war einfach fix und fertig.
 


Dann kam, ein Jahr nach der Trennung ein neuer Mann in mein Leben. DER Mann, mein Traummann.

Er hielt zu mir den Rücken. Zum ersten Mal in meinem Leben gab es jemanden, dem ICH wichtig war. Und ich hörte auf ihn. Er sagte mir, wie ich mein Kind zu erziehen habe, wie ich mit meinen Eltern umzugehen habe etc.

Ich machte das alles, das hörte sich so sinnvoll an. Im Laufe der Jahre brach ich dann den Kontakt zu meiner Familie ab. Meine Eltern hielten sich an meinen Ex Mann. Sie ginge mit ihm zu Gericht, sagten gegen mich und meinen Freund aus und wenn ich sie um etwas bat, machten sie grundsätzlich das Gegenteil.

Ich war Schuld. Natürlich. Ich hatte mich verändert. Das stimmte, konnte ich doch endlich mal für mich eintreten und mich behaupten.

Aber...

Über all dem verlor ich mein Kind aus den Augen. Ich erzog es so, wie mein Freund es wollte. Egal, ob ich damit einverstanden war oder nicht. Ich wurde immer unsicherer. Ich wusste nicht mehr, was richtig und falsch war und hörte blind auf ihn. Er war das "Feindbild" meines Ex und meiner Eltern und sie hetzten mein Kind gegen ihn auf. Das wurde so schlimm, dass mein Freund immer mehr Probleme mit ihm bekam und irgendwann nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und das ließ er ihn spüren.

Trotz Erziehungsberatung, die wir zusammen machten und trotz dessen, dass ich ihn mit zu meiner damaligen Therapeutin schleppte, wurde es nicht besser.
Ich "sah" mein Kind nicht mehr. Ich sah ein Kind, das nur Probleme machte und hatte. Das streng und diszipliniert erzogen werden musste. Und es fing an, sich aufzulehnen. Bis ich nicht mehr an ihn rankam.


Geendet hat es damit, dass er nicht mehr zu mir wollte.

Ich musste ihn zu seinem Vater geben. Ich wusste, sollte er bei mir bleiben, würde ihn das zerstören. Wie gerne wäre ich mitgegangen. Doch ich war zu dem Zeitpunkt hochschwanger und dachte da noch immer, blind, wie ich war, er hat ja selber Schuld.


Das ist jetzt über ein Jahr her. Mittlerweile lebe ich in dem Land meines Mannes, mit einem kleinen Kind. Ich habe mein erstes Kind verloren, wir haben nur noch sporadisch Kontakt.

Ich habe fremdbestimmt gelebt. Das wurde mir erst vor kurzem klar. Jetzt, heute, sehe ich meine Fehler. Ich sehe meine Blindheit und bereue sie zutiefst. Ich bin jetzt auf dem Weg, mir ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Ich halte gegen Mann, wenn er wieder gegen mein erstes Kind hetzt. Ich setze mich durch. Ich mache das, was ICH für richtig halte. Nochmal soll mir das nicht passieren.


Mein Mann ist kein schlechter Mann, ganz im Gegenteil. Ich gebe ihm keine Schuld, denn ich war ja diejenige, die alles getan hat. Ich hätte es auch lassen können. Ich glaube, er wollte mir und meinem Kind wirklich nur helfen.

Und das ist meine eigentliche Botschaft. Macht nicht den Fehler und lasst euch durch Angst leiten. Wenn IHR denkt, dass etwas richtig ist, dann macht es so. Und wenn jemand damit ein Problem hat, ist es seines.

Ich weiss nicht, wie es weitergeht. Ich kann nicht zurück und würde damit meinem zweiten Kind auch die tolle Familie nehmen, die es hier hat. Ich kann nur hoffen, dass ich meinem ersten Kind irgendwann alles erzählen kann und es mir vergibt.

Ich möchte noch anmerken, dass auch meine Eltern, trotz allem, viel für mich getan haben. Sie haben mich aufgenommen, als ich meinen damaligen Mann zum letzten Mal verließ. Sie haben mir oft beim renovieren und umziehen geholfen. Sje waren bei Lehrern in der Schule, um mir zu helfen. Es war nicht alles schlecht. Und auch ich habe Fehler gemacht. Auch mit und bei meinem damaligen Mann. Es gehören immer zwei dazu.

Das ist mir alles jetzt klar und teilweise tut es mir auch sehr leid. Also, bleibt bei euch. Egal, was ihr erlebt habt, es ist EUER Leben und nur ihr lebt damit. Und nur ihr müsst euch jeden Tag im Spiegel sehen.

Kinder müssen abgehärtet werden? Vom äußerlichen u...
Meine Woche als Höhlenmensch. Kranke Kinder und du...

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting