Mein Herz blutet, wenn ich die Entthronung meiner großen Tochter denke

Manchmal, aber nur sehr selten, schaue ich mir alte Fotos an. Ich weiß schon, warum ich das nicht so oft tue. Weil mir jedes Mal das Herz blutet. Ich kann die Fotos aus der Zeit, als meine zweite Tochter kam, nie nur freudig ansehen, denn da ist dieses riesengroße schlechte Gewissen gegenüber meiner ersten Tochter... ich habe so viel falsch gemacht und schlimmer, falsch gefühlt...

 

 

 

Vor der Geburt große Liebe, nach der Geburt hochgradige Ambivalenz

Ich weiß noch, wie ich im Geburtshaus während der Geburt anfangs nur geheult habe, weil ich das Gefühl hatte, ich lasse meine große Tochter im Stich. Sie war zu der Zeit so intensiv mit mir verbunden, klammerte endlos. Ich wusste, sie ist gut bei ihrem Papa aufgehoben, aber trotzdem wird sie nach mir weinen, und die Vorstellung ertrug ich nur ganz schlecht. Sie hat es zwar geschafft, aber wenn ich gewusst hätte, dass die Geburt auf andere Weise so sehr in unsere Beziehung einschneidet, ich hätte noch viel mehr geweint. 
 
Natürlich habe ich sie nicht weniger geliebt - aber da war dieses Baby, das ich so überraschend über alle Maßen liebte (man glaubt das ja als gestresste Ein - Kind - Mama nicht, aber die Liebe zu Nummer 2 wird genauso groß), und dieses Baby entwickelte sich leider zu einem Schreibaby. Little Pea hatte Bauchschmerzen en masse, konnte nicht abgelegt werden. War ich draußen, hatte ich sie ausschließlich in der Trage. War ich drinnen, hüpfte ich zu 90% mit ihr auf dem Pezziball herum (die anderen 10% war sie in der Trage). So ging es drei Monate lang, bevor es besser wurde. Ständig an mir dran war sie natürlich auch danach noch. Ihr gegenüber hatte ich oft ein schlechtes Gewissen, weil ich ihre Babyzeit nicht intensiv erlebt habe, gedanklich nicht so bei ihr war. Und Peanut gegenüber habe ich wie schon erwähnt so viele Fehler gemacht, ich kann sie kaum zählen.
 
Ich war völlig überfordert davon, wie sehr meine Große kämpfte. Sie war die ersten Tage richtig neugierig und lieb, aber als sie dann merkte, ein Baby zu haben bedeutet auch, fast nur noch bei Papa zu sein und keine Mama mehr zu haben, flippte sie regelmäßig aus. Sie drehte richtig am Rad. Brüllte die meiste Zeit des Tages, zerstörte so einiges. Und obwohl ich tief in mir ganz viel Verständnis für sie hatte, so konnte ich ihr das nicht zeigen. Ich war oft nur sauer auf sie, entfernte mich emotional von ihr, sah in ihr das große Mädchen, das sich nicht so anstellen soll.
 
Ja, ich gestand ihr natürlich zu, zu trauern, aber als sie nach vielen Wochen immer noch den halben Tag brüllte, hörte es bei mir auf. Sie war auch nicht mehr das Kind, das ich kannte, so wie ich nicht mehr die Mutter war, die sie kannte. Sie war mir so fremd, und anders herum war es sicher genauso. Es tut mir so weh, das zu sagen, aber da war ein Graben, ganz tief, den ich nicht überwinden konnte. Manchmal ging ich abends weinend ins Bett, weil ich nicht mehr wusste, wo meine Gefühle für sie waren. Ich kam mir vor wie die allerschlechteste Rabenmutter.
 

 

Irgendwann wuchsen wir wieder zusammen. 

Nichts hat mich darauf vorbereitet, wie hart das alles werden würde. Ich hatte zwar Artikel gelesen von der Entthronung, aber bei uns war irgendwie alles unendlich schlimmer. Es war die Hölle für Peanut und mich. Und als Little Pea sich zu einem glücklichen Baby entwickelte (obwohl sie so einen schweren Start hatte, ich kaum für sie da war im Geiste und ihre Schwester permanent brüllte), da wusste ich nicht mehr, wie ich den Weg zu Peanut finden sollte.
 
Es war auch so eine schwierige Zeit, denn wir wurden von den Nachbarn aus der Wohnung gemobbt und Peanut reagierte wieder extrem heftig auf den Umzug. Tags und nachts brüllte sie, explodierte vor Zorn, hatte teuflische Laune. Wir brüllten viel mit ihr. Da war Little Pea ein halbes Jahr alt. Als wir uns einigermaßen eingelebt hatten, kam die Sache mit dem Kindergarten. Das alles lief ja nun auch nicht besonders gut. Im Nachhinein betrachtet verstehe ich die größeren Zusammenhänge viel besser. Und wieso Peanut die Unterstützung der Erzieher viel mehr gebraucht hätte als andere Kinder. Es tut so weh.
 
Ich habe immer, auch in der schwierigsten Zeit, versucht, mich allein mit Peanut zu beschäftigen. Ich habe auch immer mal wieder gute Gespräche mit ihr gehabt, mich erklärt, immer mal wieder. Dachte, jetzt sei der Graben überwunden, aber er tat sich immer wieder auf. Das alles hat uns nachhaltig verändert. Und am Schlimmsten finde ich, dass ich nicht sehen konnte, wie klein sie eigentlich noch war. 2,5 Jahre bei der Geburt ihrer Schwester. Das ist so verdammt klein. Sie war geistig schon so reif, konnte sich so gut ausdrücken - was dazu führte, das ich schon immer mehr von ihr verlangte, als sie eigentlich leisten konnte. Ihre Schwester kann sich jetzt lange noch nicht so ausdrücken, ich sehe sie als Kleinkind an, während ich manchmal denke, Peanut kam mir in dem Alter schon viel größer vor. 
 
Ich fühle mich so schuldig. Auch wenn wir diesen Graben jetzt überwunden haben. Diesen zumindest. Je älter die Kinder werden, desto größer wird der Abstand ja von Natur aus, und das ist der Lauf der Dinge. Manchmal habe ich damit auch ein Problem, ich gebe es zu. Manchmal kann es mir nicht schnell genug gehen, dass ich wieder mehr Raum für mich habe. Auch das ist der Lauf der Dinge. Man muss in jedem Lebensalter an seinen Beziehungen arbeiten, auch die zu kleinsten Kindern sind schon schwierig und komplex, und auch die große überbordende Liebe ist nicht völlig von allein zugänglich. Zumindest nicht für mich. 
 
Love & Peace,
 
eure Frida
 
 
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