"… dann geb’ ich dir Grund zum Heulen!" Tabuthema Gewalt in der Kindheit

 

Ich wurde geschlagen.

Beginnen wir den Text doch mit einer Aussage, die zu äußern mir sehr schwer fällt.

Springen wir mit beiden Füßen hinein in ein Thema, das mir sehr zu schaffen macht.

Über das man nicht spricht.

Das ein Tabu ist.

Das schon so lange her ist, dass damit doch nun auch mal gut sein muss.

Das in meiner Erinnerung sicher viel zu überspitzt ist, denn so war das damals doch alles gar nicht.

 

 

 

 

Ich wurde geschlagen.

Damit meine ich keine “Ohrfeige im Affekt” und auch nicht das, was in den einschlägigen Foren gerne als “Klaps” bezeichnet wird. Damit meine ich das Warten alleine in meinem Zimmer auf die Abreibung, die irgendwann im Laufe des Tages folgen würde und auf die ich mich “schon einmal freuen” könne. Damit meine ich kontinuierliche Schläge auf das in aller Regel nackte Gesäß, den Rücken, die Beine und ins Gesicht. Mit bloßen Händen, später auch gerne mit Gegenständen, damit dem Peiniger “die Hand nicht so weh tut”.

Es war zu meinem Besten.

Weil ich nicht getan hatte, was man mir sagte.

Ich provozierte es. Ich ließ keine andere Wahl.

Und irgendwie musste ich es doch einmal lernen.

 

Ich wurde geschlagen. Von meiner Mutter.

Das heisst nicht, dass es regelmäßig geschah; und doch geschah es immer wieder und über viele Jahre hinweg. Die Gründe waren für mich meist nicht greifbar, doch ich lernte. Ich lernte früh, möglichst keine Widerworte zu geben, mich anzupassen, unterm Radar zu fliegen. Ich verinnerlichte, schuldig zu sein. Ich konnte nicht mehr unterscheiden zwischen Dingen, die es wert waren, beweint zu werden und unwichtigen, die ein “Dir geb ich gleich Grund zum Heulen!” nach sich zogen. Ich kann es bis heute nicht. 

 

Ich weiss, wie es sich anfühlt.

Ich bin klein, und sie ist so groß. Sie steht vor mir, und sie erscheint mir wie ein Turm. Ihr Gesicht ist verzerrt, ihre Stimme laut und aggressiv, aber was mir wirklich Angst einjagt ist ihr Blick - er ist kalt, voller Verachtung, als würde sie mich hassen. Und ich glaube, sie haßt mich wirklich. Körperlich gemaßregelt zu werden ist für mich normal, und mir wird gesagt, dass ich froh sein solle, denn ein Ledergürtel wäre noch viel schmerzhafter. Den Gürtel erlebe ich nie am eigenen Leib - er bleibt jene letzte Instanz, mit der mir gedroht wird.

Ich trage bis heute keine Gürtel.

 

Ich werde es noch verstehen.

Wenn ich erst selbst ein Kind habe, sagte sie, werde ich verstehen. Doch ich verstand nicht. Ein Kind sei ja auch ein Spaziergang, sagte sie. Wenn ich erst zwei Kinder haben würde - dann würde ich verstehen.

 

Ich verstehe es nicht.

Ich verstehe bis heute nicht.

Nicht nur zu schlagen, sondern möglichst schmerzhaft.

Nicht nur zu strafen, sondern es anzukündigen und die Angst davor auszukosten.

 

Dieses Gezielte.

Das Quälen.

 

Das Wegsehen der anderen.

Zu Zeiten habe ich meine Mutter gefürchtet, gehasst, verachtet. Die, die nicht zuschlugen, hatte ich “viel lieber”. Heute sehe ich sie genauso schuldig. Wenn sie sich nicht einmischten, wenn sie nach dem Holzstock griff. Wenn Gespräche leise weitergeführt und dabei unbehagliche Blicke getauscht wurden, während die Schreie eines Kindes aus dem Kinderzimmer erklangen. “Das war halt so.” Bei uns, bei anderen. Und ich hatte dankbar zu sein, denn bei uns war es “schließlich nicht so schlimm wie bei den anderen - die kriegen noch öfter! Noch fester!”.

 

Einmal dachte ich, ich würde sterben vor Schmerz.

Ich wand in völliger Dunkelheit in meinem Bett, noch als sie schon lange weg war. Liegen, sitzen, stehen, alles schien völlig unmöglich, es war, als hätte sie mir die Haut abgezogen - mein ganzer Körper glühte, und ich durfte keinen Ton von mir geben, denn sonst, das hatte sie mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, gebe es eine zweite Runde. Ich dachte, ich würde sterben vor Schmerz. Und ich glaube, es starb tatsächlich etwas von mir an jenem Abend.

 

“Dann geb’ ich dir Grund zum Heulen!”

Wieviel Drohung doch in diesen Worten steckt. Wieviel Leid und Schmerz und Qualen. Ich zucke innerlich zusammen, wenn ich diesen Satz höre, auf der Straße, dem Spielplatz, von einer mir fremden Mutter zu einem mir fremden Kind. Und selbst, wenn diese Drohung nicht wahr gemacht wird - ein Kind kann sie doch nur als solche verstehen, wenn es weiß, was ihr folgt, was sie bedeutet - oder?

 

 

 

Diese 5 Retro Kindersendungen sollte dein (Klein)K...
Vom Tütü, das auszog, um die Welt eines kleinen Mä...

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting