Impulsgebloggt: Rant auf Rücksichtslosigkeit

Ich rante über Kinder. Ja, das ist scheiße. Ich korrigiere: Ich rante über Eltern, die ihren Kindern offenbar vermitteln, dass man auf seinen Mitmenschen ruhig rücksichtslos herumtrampeln darf.
 
 
Trauriges Kind? Erst mal niedermachen.
 
 
Wie schrieb Susanne Mierau in ihrem absolut empfehlenswerten Blogbeitrag: Liebe ist politisch!
 
Und der ehemaligen Tagesmutter von Coco, die mich davon überzeugen wollte, dass Cocos am Ende auftretende Stressysmptome nachmittags nach der Betreuung nur zeigen würden, dass sie uns manipuliere (das war dann der Punkt, an dem wir die Betreuung abbrachen), möchte ich Susannes Blogbeitrag um die Ohren hauen und  bedürfnisorientierte Erziehung propagieren.
 
Die Kriegsgeneration ist unter schwarzer Pädagogik groß geworden, Empathie wurde systematisch verweigert – toll, was das ermöglicht hat! Bock auf weitere Kriege? Dann nur weiter so. Und bloß nicht mit Kindern mitfühlen, am Ende kommen da noch friedfertige Menschen bei raus, die vielleicht nicht bereit sind, andere einfach abzuknallen.
 
Aber ich schweife ab, sorry!
 
So, der Übergang wird jetzt schwierig. Natürlich möchte ich kein Kindergartenkind, das meiner Tochter einen Spruch drückt, mit einem Mörder vergleichen. Natürlich nicht, und ja, es sind Kinder und nein – „Kinder sind halt so“, das zieht bei mir nicht.
 
Kinder sind nicht halt so (grausam, manipulativ, rücksichtslos). Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder voller Liebe auf die Welt kommen und dass das, was sie dann erleben, sie prägt.
 

 

Mein Kind hat Angst

Und wenn meine Tochter (hochsensibel und im Vergleich zu ihrer früheren Ängstlichkeit inzwischen sehr frech und selbstbewusst) Angst hat, alleine zum Kinderturnen zu gehen, dann fühle ich mit ihr. Ich ermutige sie, und ich glaube an sie. Ich denke an den Blogbeitrag „Da musst Du jetzt wohl durch“ von der Ökohippierabenmutter, und auch ich denke: Nein! Du musst nicht alleine da durch, ich bin bei Dir, und ich nehme Dich ernst, und ich stärke und ich ermutige Dich, denn ich weiß, Du schaffst das. Ich versuche, Dir Brücken zu bauen, über die Du gehen kannst, weil Du sie Dir, gefangen in der Angst, nicht selbst bauen kannst.
 
Für alle, die sich jetzt lächerlich machen wollen über Maple und über meine verweichlichende Erziehung, nur zu: Maple (5) fühlt sich massiv bedrängt, wenn sie bei Aufwärmspielen wie „Hase und Jäger“ (das mich aus anderen Gründen ankotzt, aber lassen wir das) vom Jägerkind abgeworfen wird. Sie fühlt sich bedroht, in ihrem persönlichen Schutzraum verletzt, angegriffen, in ihrer Würde gedemütigt. Sie versteht noch nicht, oder nur rational, was da passiert. Sie ist fassungslos, und dass sie sich durch diese Art von Spielen bedroht fühlt, schürt die Angst. Ja, natürlich haben wir das zigmal besprochen.
 
Gott sei Dank wird beim Kinderturnen kein Druck aufgebaut, und niemand muss etwas mitmachen, was er oder sie nicht möchte. Sie war nach dreimaliger Eingewöhnungsbegleitung auch schon einmal allein dort (hat die Aufwärmspiele nicht mitgespielt), aber dann waren zwei Wochen Osterferien. Nach dieser Pause ging es nun als Minimalanforderung darum, während des Spiels der anderen Kinder von der Eingangstür aus die Halle zu durchqueren und sich hinten auf die Bank zu setzen. Während des Spiels deshalb, weil sie es nicht schaffte, vorher hineinzugehen, zu viel Angst. Wir hockten ewig vor der Tür, sie weinte, tankte Mama, ich redete ihr zu. Die Stunde hatte also schon angefangen. Wir hatten mehrere Versuche gemacht, aber nach wenigen Schritten hinein war sie immer wieder weinend umgekehrt. Natürlich hatten das alle mitbekommen.
 

 

… und überwindet sich

Nach der sportlichen Aufwärmphase geht der Vorhang zur Nachbarhalle hoch, wo aus Turngeräten ein Kletterparadies aufgebaut ist, das sie liebt. Ich wusste, ab dem Zeitpunkt würde alles gut sein, und so war es auch. Sie schaffte es irgendwann hineinzugehen, saß dann wie angewurzelt auf der Bank und wartete, dass der Vorhang hochging. Anfangs weinte sie noch einmal, „aber niemanden hat das interessiert“. Ich war zu dem Zeitpunkt schon am Tisch oben im Café, von wo aus man Blickkontakt in die Halle halten kann.
 
Dann steht sie auf dem Trampolin, bereit loszuhüpfen, und ein Junge, der unten am Boden sitzt, guckt sie feindselig an und sagt: „Du nervst voll!“
 
Mich hat es bis ins Mark getroffen, als Maple mir das später erzählte, und ja, es triggert auch meine Erfahrung, was passieren kann (nämlich Schlimmstes), wenn Kinder nicht ernst genommen werden.
 
Worum es mir aber in diesem Blogbeitrag geht:
 
Klar, der Junge wirkt statushoch, selbstbewusst, über alles erhaben und hat die Deutungsmacht. Ein starker, selbstsicherer Junge. Robust.
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Maple hat das Selbstbewusstsein und die Deutungsmacht nicht. Vielleicht noch nicht. (Ich arbeite daran.) Sie hat sich nicht gewehrt, hat nichts erwidert, hat es der Kursleiterin erzählt, die nicht darauf reagiert hat, weil sie es (akustisch) nicht gehört hat. Maple blieb in dieser Situation hilflos. Auf die Idee, dem Jungen mit Abwertung zu antworten, käme sie nicht. Finde ich auch nicht erstrebenswert.
 
Was bei Maple noch zu tun ist (zu lernen, sich den Spruch nicht anzuziehen), ist mein Part, keine Frage. Dafür trägt auch weder der Junge noch seine Eltern eine Verantwortung.
 
 

Vom „starken“ Jungen zum künftigen Vater

Aber: Die Harten, die austeilen, grundlos, einfach, weil sie die Starken sind und es sich erlauben können, die sich durchbeißen und durchboxen und mental Ellenbogen einsetzen und es auf diese Weise in dieser Welt sicher zu etwas bringen: Das sind vermutlich nicht die, die Väter werden wie Karl, über den ich schon so oft gehört habe „Das würde mein Mann niemals machen“, „Wie der sich einsetzt“, „Wie der für seine Familie zurücksteckt“ und so weiter.
 
Sondern das werden doch die Väter, über die es später heißt „Er lässt mich mit den Kindern allein“, „ich habe diese Unterstützung, die Du hast, nicht“. Das werden doch die Väter, die null unterstützen oder nicht in dem Ausmaß, in dem es gebraucht würde in einer gleichwürdigen Familie, in der niemand unter die Räder kommen soll.
 
Vany vom Blog placeformemories hat einen Sohn, der einen Puppenwagen schob und prompt als „Mädchen!“ tituliert wurde. Weil Puppenwagenschieben schließlich Mädchenzeugs ist und Jungs mit Autos oder Dinos zu spielen haben (und Mädchen natürlich nicht, sonst heißt es: „Junge!“).
 
Auch die, die wegen des Puppenwagens „Mädchen!“ rufen, das werden doch ganz bestimmt später Väter, die sich in die anstrengende Beziehungsarbeit, in die Familienarbeit ganz besonders viel einbringen. Nicht.
 
Ich hatte mal einen Exfreund, der unfassbar erfolgreich und angesehen war. Er sagte mir: „Weißte, Mo, es gibt nur zwei Sorten von Männern: die Arschlöcher und die Loser.“ Das meinte er ernst. Er gehörte zur ersten Gruppe und war stolz drauf.
 
 

Erziehung zur Menschlichkeit

Ich will nicht, dass meine Kinder so werden. Ich will es für sie nicht, ich will es für ihre zukünftigen Partnerinnen und Partner und Kinder nicht, und ich will es für diese Welt nicht. Erziehung zur Härte lehne ich ab. Ich wünsche mir, dass meine Kinder die liebenden, fühlenden und mitfühlenden Wesen bleiben dürfen, als die sie auf die Welt gekommen sind.
 
Und noch etwas: Der einzige Grund, warum man Kinder auf die harte Welt vorbereiten muss, sind die Menschen, die meinen, man muss Kinder auf die harte Welt vorbereiten. Einer der klügsten Sätze, die ich je las, nämlich hier.
 
Diese Menschen erziehen nämlich ihre Kinder so, dass sie ängstliche Kinder, die sich doch trauen, noch mal einen mitgeben, und die Kinder, die noch aus sich selbst heraus und frei statt aus gesellschaftlichen Erwartungen und verinnerlichten Konventionen heraus handeln, das Puppenwagenschieben als nicht vereinbar mit Jungssein madig machen wollen.
 
Ich hoffe sehr, dass unsere Kinder kraft ihrer Selbstliebe, die wir ihnen hoffentlich vermitteln konnten und können, sich selbst nicht in Zweifel ziehen und sich richtig finden, obwohl ihnen die Botschaft „Du bist falsch, sei anders“ entgegenschallt. Ich hoffe, dass sie mit anderen mitfühlen und andere unterstützen.  Ich hoffe es so sehr. Und dafür gebe ich alles.
 
Eure Mo
 
Nachbemerkung 1: Als wir fertig angezogen aus der Umkleidekabine kommen, sehen wir ein Mädchen in Sportsachen vor der Tür der Turnhalle, ihre Mutter hockt bei ihr. Maple sieht das und sagt nach einer halben Sekunde: „Das ist bei dem Mädchen so wie bei mir vorhin.“ Sie bleibt wie angewurzelt stehen, und ich meine, ich kann die mentale Verbindung, die Maple augenblicklich zu diesem fremden Mädchen aufbaut, sehen, so greifbar ist sie.
 
Nachbemerkung 2: Die meisten Kinder in Maples Turnkurs gehen anders mit ihr um. Allen ist klar, dass sie die (einzige Neue und) Ängstliche ist. Die einen lassen sie einfach in Ruhe, die anderen werfen sie extra nicht ab (wenn Maple denn mal in meiner Anwesenheit und ermutigt durch ihre kleine Schwester ein paar Runden bei den Aufwärmspielen mitrannte) und die dritten kommen zu ihr zur Bank, setzen sich mal zu ihr, sprechen sie an, fragen, ob sie mitmachen möchte, bieten ihr sogar die Hand an, oder, wie ihre Kindergartenfreundin, sagen: „Weißt Du, als ich hier neu war, war ich auch ein bisschen schüchtern.“ 
Mos Flauschwelt – Meine Kritik an Eurer Kritik
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