Selbstbetreuung aus Überzeugung. Ein Interview mit zwei Mamas und Erzieherinnen von Kindergartenfrei.org

Meine große Tochter ist seit kurzem "Kindergartenfrei" und ich habe begonnen, mich im Netz zu informieren, ob es andere Eltern gibt und was die so machen stattdessen. Gefunden habe ich eine sehr tolle Seite namens Kindergartenfrei.org - ein Zusammenschluss mehrerer Mamas, die anderen Eltern aus Deutschland, Österreich und Schweiz dabei helfen wollen, sich regional zu vernetzen sowie Erfahrungen und Informationen zu teilen. Ich habe ein Interview mit zwei Gründerinnen geführt, die überzeugte kindergartenfrei - Verfechterinnen sind und außerdem auch gelernte Erzieherinnen. Super spannend! Aber lest selbst.

 

 

Meine Interview Partnerinnen

Franzi: Ich bin 29 Jahre und habe drei Kinder. Gelernt habe ich Erzieherin, jedoch nach der Ausbildung nicht mehr in dem Beruf gearbeitet. Heute studiere ich an der Fernuni Hagen Soziologie, Politik und Verwaltungswissenschaft.

Bildrechte: Franzi

Stephanie Schulz. 31 Jahre alt. Erzieherin. Studentin der Sozialen Arbeit. 1 Kind, 4 Jahre alt. Aus Berlin. Lebenskünstlerin. Bauch und Herz - Mensch

Bildrechte: Stephanie

 

Hey Franzisca, Hey Steffi, danke dass ich euch mit Fragen löchern darf! Was genau ist denn Kindergartenfrei.org, wer steckt dahinter und wozu ist die Seite gedacht?

Franzi: Kindergartenfrei.org ist ein Zusammenschluss von Eltern, die die Betreuung ihrer Kinder selbst in die Hände nehmen. Wir möchten andere Familien ermutigen, die kostbare Kindheit ihrer Kinder mitzuerleben und sie mitzugestalten. Kindergartenfrei.org bietet Familien die Möglichkeit sich mit anderen Familien Regional zu vernetzen und bietet Austausch über Facebook Gruppen an. Es gab dieses Jahr sogar schon ein Kitafrei-Festival in Hessen.

 

Wie bist du persönlich zu der Entscheidung gekommen, deine Kinder nicht in den Kindergarten zu stecken?

Franzi: Noch vor der Geburt der Kinder wusste ich, dass ich völlig Fremden nicht das Wertvollste in meinem Leben überlassen möchte.

Zu der Zeit war ich gerade in der Ausbildung zur Erzieherin und dies bestärkte mich immer mehr, da ich dort lernte, wie wichtig eine sichere Bindung für das ganze zukünftige Leben des Kindes ist. Viele psychische Erkrankungen wie Depression wären viel seltener, wenn die Menschen als Kind eine sichere Bindung erfahren hätten. Es ist inzwischen nachgewiesen, dass die frühe Fremdbetreuung den Stresspegel ansteigen lässt und das dauerhaft Folgen hat.

All das war für mich der Grund zumindest bis zum Alter von drei Jahren auf Kindergarten zu verzichten. Je älter die Kinder aber wurden, desto mehr wuchs ich da rein und stellte fest, dass für Bildung keine Kita nötig ist. Schon gar nicht, da ich selber Erzieherin bin.

Mit der Zeit wurde die Vernetzung zu anderen Kitafrei Eltern auch immer besser, sodass es einfach war dabei zu bleiben. Es war einfach konsequent richtig. Ebenfalls wichtig ist mir hier der Glaube. Wir als Christen sehen es als unsere Aufgabe von Gott, unsere Kinder zu erziehen. Wir haben die Verantwortung für sie, nicht fremde Erzieher, die gar nicht unsere Werte teilen.

 

Stephanie: Dies war eine reine Bauchentscheidung. Vor der Geburt meiner Tochter habe ich ganz rational geplant nach einem Jahr in mein Studium zurück zu kehren. Wir planten, dass mein Freund in Elternzeit gehen würde und unser Leben so einigermaßen strukturiert weiter verlaufen würde. Ha ha. Doch unsere Tochter wies uns einen anderen Weg. Sie forderte viel Nähe und ließ uns in einen sehr schönen und intensiven Bindungsprozess eintauchen. Ich befasste mich gelenkt von unser Beziehung mit Attachment Parenting. Da wir das Stillen beide sehr genossen haben und ich die Zeit unbedingt genießen wollte, blieb ich weiterhin zu Hause.

Kurz vor ihrem ersten Geburtstag lag ich abends nebe meinem Kind und wurde sehr emotional. Mich überkamen sehr starke Gefühle, ein Bild wie dieses kleine Wesen in einer Einrichtung den Tag verbringt und ich ihr Leben nicht begleiten darf. Mich machte diese Vorstellung sehr traurig, und ich hatte große Zweifel, unter den Umständen zu irgendeiner Leistung fähig zu sein. Es fühlte sich absolut falsch an. Mein Freund stand von Anfang an hinter diesem Entschluss. Geplant war ein Einstieg mit ca 2,5. Auch diesen verschoben wir.

Als sie drei wurde stieg ich wieder ins Studium ein. Wir organisieren unseren Alltag so, dass ich an einigen Vormittagen zur Uni fahre und mein Freund (Papa) am Nachmittag in Teilzeit arbeitet. Aber das Thema der großen Kindergarten - Frage war auch zu diesem Zeitpunkt nicht ganz klar und wir waren immer noch ambivalent. Fest stand: nicht vor dem vierten Geburtstag. Richtig konsequent und überzeugt vom Sellbstbetreuen sind wir erst seit kurzem. Und vor allem durch die Kitafrei Gemeinschaft und die tolle Entwicklung unserer Tochter. Sie ist der Wegweiser.

 

Welche Erfahrungen hast du gemacht als Mutter – bezüglich Außenwirkung, aber auch wie sich deine Kinder entwickeln?

Franzi: Außenwirkung ist schwierig. Viele sind so negativ eingestellt, dass man ständig kritisiert wird. Manche tun es weil sie sich angegriffen fühlen, wieder andere weil sie sich ehrlich Sorgen um die Kinder machen. Man ist auf jeden Fall immer erstmal die Glucke. Nach einiger Zeit ändert sich das dann und es kommen viele Fragen, denn die meisten sind gar nicht so zufrieden mit ihrem Alltag....es ist zu hektisch und zu wenig Zeit für das Wesentliche.

Die Entwicklung ist super! Alle drei Kinder sind überdurchschnittlich entwickelt und sehr sehr glücklich . Klar haben sie auch ihre schwierigen Phasen. Mich nervt, dass man besonders streng beurteilt wird, wenn die Kinder nicht in die Kita gehen. Jedes Fehlverhalten des Kindes wird darauf geschoben. So ein Unsinn. Jeder der mal eine Kita von innen gesehen hat, weiß, dass die Kinder dort sicherlich keine Engel sind.

Jedes Kind hat Ecken und Kanten. Das hat nichts mit Kita oder nicht zu tun. Der Unterschied ist nur, wie sie durch diese Phasen hin durchgehen. Will ich, dass jemand anderes das begleitet, oder mache ich das selber? Diese Frage muss jeder für sich beantworten.

 

Stephanie: Ich hatte anfänglich das Gefühl, mich stark rechtfertigen zu müssen. So ab ihrem zweiten Lebensjahr. Meine größte Kritikerin war meine Mutter. Ganz emotional betrachtet. Als sie sich dann wandelte und unsere Entscheidung nachvollziehen konnte, war das Eis gebrochen und der Rest meiner Umwelt war mir relativ egal. Klar gab es hier und da ein paar Bemerkungen. Um den dritten Geburtstag spitzten sich die Erwartungen im Umfeld noch mal zu. Da meine Tochter in ihrer Entwicklung schon immer sehr weit war und ein offenes und selbstbewusstes Kind ist, gab’s auch wenig Gegenargumente, die den aktuellen Förderwahn in punkto Fremdbetreuung unterstützt hätten. Eher umgekehrt.

"Sie spricht ja mit zwei wie eine kleine Erwachsene", durfte ich mir dann eher als Kritik anhören. Oder "Na ihr habt ja Glück so ein ausgeglichenes Kind zu haben. Das ist wohl ihr Charakter, so kooperativ und nie am Ausrasten..." Mit dem Wink, sie hätte vielleicht zu viel Kontakt mit Erwachsenen. Da wir uns aber immer in Kindergruppen aufhielten, waren diese wenigen Kommentare auch überflüssig und wurden dann immer weniger. Aber auch hier wuchs mein Selbstbewusstsein stark durch die Kigafrei - Community auf Facebook.

 

Hast du ein soziales Netz mit anderen kindergartenfreien Kindern aufbauen können? Wenn ja, wie bist du vorgegangen und wenn nein, wie kompensierst du das? Oder ist das vielleicht sogar gar nicht notwendig?

Franzi: Ein soziales Netz ist super notwendig. Wir sind Menschen, wir brauchen den Kontakt. Hier in Berlin ist es einfach. Ein paar Frauen und ich haben eine Facebook Gruppe gegründet und daraus haben sich viele Freundschaften ergeben. Auch Freunde mit Kita Kindern haben wir, die Eltern die es können nehmen die Kinder regelmäßig für einen Tag aus der Kita um uns zu besuchen, so sind auch solche Kontakte erhalten geblieben. Die Rückmeldung die ich bekomme ist immer, wie wundervoll es ist einen entspannten Tag mit uns zu verbringen, ohne Zeitdruck. Genauso ist es auch! Wir lieben es mit unseren Freunden unsere Tage zu verbringen.

 

Stephanie: Die Community hat mich bestärkt und mit wenigen treffen wir uns regelmäßig, aber unsere alltäglichen Kontakte sind bunt gemischt aus Kiezfreundschaften und anderen, deren Kinder in einer Betreuung sind. Aber die Kontakte mit Selbstbetreuern sind oft unkomplizierter und unter den Kindern harmonischer. Wobei mein Kind dies nicht als solche bewertet, das sind meine Empfindungen. 

 

Wie strukturierst du den Alltag mit deinen Kindern? Was bietest du ihnen an, förderst du sie speziell, gibt es einen Plan? Hast du Lesetipps oder Literatur für uns?

Franzi: Ich strukturiere den Alltag nicht. Die ganz normalen Bedürfnisse, schlafen und essen, geben die Grundstruktur vor. Ansonsten sind wir sehr flexibel. Wir mögen Tagesausflüge in den Tierpark, zu einem besonderen Spielplatz, in den Wald...etc. bei schlechtem Wetter auch Bibliothek oder eben einfach Freunde zuhause.

Ich habe Bastel- und Lernmaterial zuhause, ich biete es aber nicht aktiv an und gebe auch nichts vor. Alles ist für die Kinder erreichbar und wenn sie an etwas Interesse zeigen, beschäftigen wir uns damit. Wird in den Kindergärten übrigens genauso gemacht, nennt sich situativer Ansatz.

Spezielle Literatur oder so benutze ich nicht. Meistens entscheiden wir morgens was wir machen, es sei denn es gibt feste Verabredungen. Am Wichtigsten für Kinder ist das freie Spiel und da achte ich immer drauf.

 

Stephanie: An den Vormittagen, an denen ich mit meiner Tochter Zeit verbringe, und an den Wochenenden sind wir sehr aktiv. Einfach weil ich es mag. Wir treffen uns mit anderen Selbstbetreuern, oder wechseln mal die Region und testen Spielplätze,Parkanlagen in anderen Kieze in Berlin. Fahren ins Museum, gehen schwimmen in den Zoo, die Kinderbücherei oder besuchen die Oma auf der Arbeit. Im Grunde das was Kitagruppen auch so machen, aber viel intensiver. Am liebsten sind wir mit dem Rad oder den Öffis unterwegs. Wir sind wirklich sehr mobil.

Mittags holen wir oft die Cousine aus der Grundschule ab und verbringen Zeit miteinander. Wir haben Nachbarschaftshäuser im nahen Umfeld, gehen zum Töpfern, Kinderturnen und zum Musikkurs. Unser Alltag ist bunt und abwechslungsreich. Während meiner dreijährigen Elternzeit waren wir regelmäßig beim Familienfrühstück und in Kindergruppen. Nur weil wir die Vormittage sehr intensiv im Familiären Kreis leben, bedeutet die ja nicht, dass wir uns sozial abschotten. Meine Tochter ist sehr kontaktfreudig. Oft ergeben sich auf Spielplätzen Spielsituationen mit anderen Kindern und am Nachmittag geht das soziale Leben dann trubelig mit festen Bezugskindern weiter.

 

Ein großes pro Kindergarten – Argument ist das Thema Schule. Wie stehst du dazu, wie bereitest du deine Kinder auf die Schule vor? Oder hast du auch da einen Alternativplan?

Franzi: Ich bereite meine Kinder nicht vor. Stillsitzen können ist keine Frage der Übung, sondern der Reife. Was sonst gibt es noch für Argumente. Grundlagen in Mathematik, Schreiben und Lesen ergeben sich im Freien Spiel. Ganz genauso wie in jeder Kita. Mein Großer kommt jetzt im Herbst in die Schule und kann schon gut lesen und schreiben. Einfach nur, weil ich immer da war um Fragen zu beantworten. Rechnen kann er sicher mit Zahlen bis 100, außerdem schon Teile des 1mal1. In dem Bereich ist gezielte Vorbereitung also sinnlos und schafft nur Abneigung, weil es gezwungen ist.

Das Soziale kommt auch immer wieder als Argument. Dazu kann ich nur sagen, dass es zwei Möglichkeiten gibt heutzutage in der Schule zu bestehen. Entweder, ich mache das Kind hart, das geht wunderbar durch Kita, oder aber ich stärke es so gut ich kann und gebe ihm die größtmögliche Sicherheit mit. Was man wählt ist die eigene Entscheidung, es funktioniert sicherlich beides. Ich persönlich möchte aber keine Gesellschaft, die noch mehr verroht und entscheide mich daher dafür die 6 Jahre die ich bis Schuleintritt habe, so gut es geht zu nutzen und meine Kinder zu stärken.

 

Stephanie: Ich habe Vertrauen. Ich stärke sie, in dem ich sie Ernst nehme und bei ihr bin. Sie am sozialen Leben teilhaben lasse und ermutige bzw. nicht bremse. Sie ist klug, kreativ, sozial offen und kompetent. Das reicht und lässt mich gelassen in die Zukunft schauen. Ich mache mich natürlich manchmal verrückt. Klar aber dann seh ich sie an und bin so buff und bekomme wieder Halt unter meinen Füßen. Und ich rede zu mir und sage hab Vertrauen. Bis sie sechs wird haben wir noch zwei Jahre. Sie beherrscht jetzt schon Dinge, die manches Schulkind in der ersten Klasse nicht kann. Und nicht, weil wir es ihr eintrichtern oder es gezielt fördern, nein, weil es sich so ergibt. In alltäglichen Gesprächen, im intensiven Kontakt, im Interesse an ihren Interessen, durch ein freudiges Miteinander, kurz und knapp durch eine gelungene Beziehung. Ganz ohne Anstrengung.

Wir haben uns aber auch an einer demokratischen Schule beworben und werden alle alternativen Einrichtungen der hiesigen Regelschule vorziehe. Aber wenn es nicht klappt dann machen wir das Beste aus der Regelschule. Und am Wichtigsten finde ich, dass sie dann nur halbtags gehen muss und wir den Stress so gut wie möglich abfedern können.

 

Was sind deiner Meinung nach die Nachteile des Kindergartenfrei? Welche Tipps gibst du Eltern mit auf den Weg, die über diesen alternativen Weg nachdenken?

Franzi: Die Nachteile sind auf dem Land sicherlich die Vereinsamung. Für uns in der Stadt ist es einfach, auf dem Land nicht. Da ist mein Tipp, den Alltag dann doch zu strukturieren, sodass jeweils die Nachmittage frei für Verabredungen sind, denn nur dann hat man die Chance, auf andere Leute zu treffen.

Ein weiterer Punkt ist das Finanzielle. Inzwischen habe ich einige Frauen getroffen, die sich mit anderen zusammen geschlossen haben. Sie betreuen gegenseitig die Kinder, sodass immer einer arbeiten kann.Dabei entsteht ein richtiges Sippengefühl, man teilt einen großen Teil des Lebens. Das kann ich wirklich allen ans Herz legen!

Und natürlich: vernetzt euch! Benutzt Facebook usw!!!

 

Stephanie: Man muss sich selbst organisieren und sozial aktiv sein. Vor allem wenn man in einer eher anonymen Großstadt lebt. Ansonsten sehe ich nur Vorteile.

 

 

Wer sich weiter informieren möchte, kann hier stöbern

Vernetzung

Kindergartenfrei.org

Fremdbetreuung brauch ich nicht (dazugehörige Facebook Gruppe)

 

Blogbeiträge

Selbstbetreuung - Häufig gestellte Fragen (Mein Rabennest)

Warum wir unseren Sohn selbst betreuen (Leichter Leben Family)

Fremdbetreuung brauch ich nicht (Urnaturaen)

Selbstbetreuung oder Fremdbetreuung? (Die Ökofamilie)

KiTa oder Selbstbetreuung? (Geborgen und Geliebt)

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