Unerzogen als (Nicht) Erziehungskonzept

Durch Julia von der Guten Kinderstube habe ich vom Lebenskonzept „Unerzogen“ erfahren und war gleich fasziniert. Es war so inspirierend! Es fühlte sich an wie das Niederreißen von nutzlosen Grenzen. Ein Befreiungsschlag! Aber was muss man als Elter dafür eigentlich mitbringen?

 

 

Zugegebenermaßen kenne ich mich mit dem Konzept „Unerzogen“ überhaupt nicht aus, ich habe nur eine erste Ahnung. Nicht erziehen, heißt, nicht mit einem gewünschten Ziel oder Ergebnis sein Kind großzuziehen. Es sich einfach so entwickeln zu lassen, wie es ist, auf den Wegen, die es wählt, und es dabei zu begleiten. Mit dem tief sitzenden Lebensthema „Sei anders, als du bist; du bist falsch“ kann man davon eigentlich nur begeistert sein. Und das bin ich auch.

Und dann ist da das Ding mit der tollen Idee, die an der Umsetzung scheitert. Eine scheiternde Umsetzung sagt allerdings nichts, aber auch gar nichts über die Qualität der Idee aus. 

 

Also: Wie soll ich das stemmen?

Es geht darum, das Kind nicht zu beschränken, es sei denn, es sprechen triftige Gründe wie zum Beispiel Gefahr für Leib und Leben dagegen. Auch ich erlaube (jedenfalls in meiner Wahrnehmung) meinen Kindern recht viel, mit dem Gedanken dahinter: Was zum Teufel spricht dagegen? Denn in der konkreten Situation, in der ein Kind gerne irgendwas tun oder nicht tun oder anders tun möchte, spricht eigentlich nie etwas dagegen. Wenn man sich die Konsequenzen überlegt, kommen da so Dinge raus wie „Dann ist das ganze Kind mit Filzstift angemalt“/ „ddas ganze Badezimmer überschwemmt“ etc. Alles gaaaaaaaaaaaaaanz schlimme Dinge. Aber vieles ist so sehr drin durch all die Konventionen, mit denen ich aufgewachsen bin, dass der erste Impuls ist: Nein, das geht nicht.

All das zu hinterfragen und festzustellen: Es geht so viel! Und es ist oft für alle bereichernd!, das ist für mich ein beglückendes Erfolgserlebnis, und ich fühle mich im Vergeblich zu doch vielen Eltern im Real Life, die man so mitbekommt, als furchtbar tolle Mama. Gut, ich schleppe immer relativ viele Wechselsachen mit rum (die ich auch gerne mal brauche). Eigentlich ist immer überall Chaos. Und so weiter und so weiter. Aber nichts Gravierendes. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, was man dafür geschenkt bekommt: ein glückliches Leben. Mama, ich hab ne tolle Idee: Darf ich mir beim Einkaufen was aussuchen? -  Au ja, ich such mir auch was aus!

 

Exkurs: Bedürfnisbefriedigung

Als Maple sehr klein war, hab ich mich zerrissen, um irgendwie ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, vor allem ihr Bedürfnis nach Schmerzfreiheit. Ich hab alles getan und es doch nicht geschafft oder erst sehr spät. Es geht nicht um die Schuldfrage, mich trifft keine Schuld. Es geht darum, dass dieses Erfüllen von Bedürfnissen eines Säuglings, das nun mal über allem steht, so mein Leben bestimmt hat, dass dabei alle meine eigenen Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Pipi machen, Schlafen, Schmerzfreiheit, von Anerkennung, sozialer Interaktion oder Selbstbestimmung ganz zu schweigen) über Bord gegangen sind. 

Es ging mir so in Fleisch und Blut über, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, was Bedürfnisse eigentlich sind. Alles war Bedürfnis. Ich wollte doch nur, dass es meinem Baby gut geht. Dass es ihm gut ging, dafür war ich als primäre Bezugsperson (natürlich nicht allein) verantwortlich. Aber da, wo ich mit ihr allein war (=ungefähr immer, gefühlt), war es mein Job. Ich hatte dafür zu sorgen, dass es ihr gut ging. Wenn sie sich schlecht fühlte, aus Hunger, aus Durst, aus Schmerzen, aus Traurigkeit, Müdigkeit, Verzweiflung, dann war es meine Aufgabe, sie zu ernähren, zu trösten, irgendwie in den Schlaf zu begleiten usw. Daraus ist ein Automatismus entstanden, den ich nie hinterfragt habe, und meine Therapeutin schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie bemerkte, dass ich der festen Überzeugung war, dass ich dafür zuständig sei, dass es meiner Tochter (damals knapp 3) emotional gut gehe. Sie fiel aus allen Wolken und meinte, mit diesem Anspruch sei es kein Wunder, dass ich so erschöpft sei. Und das es NICHT meine Aufgabe sei, ihre Gefühle zu regulieren. Also z. B. wenn sie traurig, wütend oder verzweifelt sei, dafür zu sorgen, dass sie sich wieder glücklich fühlte.

Dieser Moment war für mich ein schwer anzunehmender und erst recht schwer zu verinnerlichender Paukenschlag. Es genüge, für sie da zu sein, sie zu bgleiten, ihr dabei zu helfen zu lernen, ihre Gefühle selbst zu regulieren. Eine unglaubliche Last fiel von mir ab, und ich begann meine Ansprüche zu hinterfragen.

 

Gleichwertigkeit in der Familie

Jesper Juul fiel mir in die Hände. Er sprach von Gleichwertigkeit, vielleicht auch von Augenhöhe. Von gegenseitigem Respekt. Gleichwertigkeit – das bedeutete ja, dass ich gleichwertig mit meinem Kind sei? Der Gedanke fiel mir erst schwer, weil ein Kind, zumal ein Säugling völlig hilflos darauf angewiesen ist, dass seine Bezugsperson dafür sorgt, dass es ihm gut geht. Deshalb schreit ein Säugling, schreibt auch Dr. Posth, der den hochempathischen Erziehungsansatz vertritt und mich sehr geprägt hat: Für den Säugling geht es ums nackte Überleben. Er IST wichtiger als die Eltern, er geht vor.

Nun geht es in Juuls Gedanken eher um Kinder, mit denen man schon reden kann, die einfach schon etwas älter sind. Meine Töchter sind heute 4 und 1 ¾. Sie sind keine Neugeborenen mehr. Ich begann, Feuer und Flamme für Juul zu werden, nicht weil er mir mehr Platz einräumt, sondern weil ich seine Wertschätzung Kindern gegenüber teile. Aber: Auch ich bin ein gleichwertiger Bestandteil der Familie. Ich muss nicht meinen Kindern alles Recht machen, mich immer hintanstellen, auch wenn ich schon längst nicht mehr kann. 

Juul spricht auch von Authentizität. Dass Eltern nicht perfekt sind, dass sie gemeinsam mit ihren Kindern immerzu lernen. Auch Fehler machen dürfen. Mit ihren Kindern sprechen. Sich erklären. Versuchen, gemeinsame Lösungen zu finden, die für alle tragbar sind.

Juul schreibt außerdem, und das unterschreibe ich dreifach, dass er nicht glaubt, dass Kinder Grenzen austesten. Und dass Grenzen kein Selbstzweck sind. Dass es unnötig ist, Kinder an Grenzen zu gewöhnen, denn sie haben, auch ohne dass man irgendwelche pädagogischen Grenzen setzt, dreimal genug Grenzen in ihrem Leben, mit denen sie klarkommen müssen. 

Mit diesem Konzept konnte ich super leben. Endlich hatte ich das Gefühl, meinen für mich und für meine Kinder stimmigen Erziehungsstil gefunden zu haben, der absolut meinem Bauchgefühl und Mutterinstinkt entspricht. Genauso wie ich es respektiere, wenn meine Kinder austicken, weil sie ein verdammtes Recht auf ihre Gefühle haben, habe auch ich das Recht, meine Grenze aufzuzeigen, wenn es mir einfach zu viel wird. Und darauf zu achten, war für mich echt ein Lernprozess, weil ich das durch Maples lange, schwere Zeit total verlernt hatte (weil es einfach nicht dran war).

Ich wurde langsam wieder aufmerksamer dafür, meine Grenzen rechtzeitig wahrzunehmen und nicht erst bei x-ten Zusammenbruch jedesmal dann zu spät zu merken: Ah ja, da wäre die Grenze der Belastbarkeit gewesen. Ich habe immer alles möglich gemacht, alles erlaubt (es sei denn, es sprach etwas Gravierendes dagegen), so viel Freiraum zugestanden, auch wenn meiner dadurch längst auf einen Quadratmillimeter minimiert war. Die Konsequenz meines Handelns waren freie, glückliche Kinder – und immer mehr Arbeit für mich. 

Erst vor wenigen Tagen habe ich nach Monaten die Schlafcouch, die eigentlich im Kinderzimmer steht und die nun monatelang ausgezogen im Wohnzimmer stand, weil man dann so ein tolles Kletterparadies auf mehreren Ebenen mit Couch, normalem Sofa und Klappmatratze hatte, wieder eingeklappt und zurück ins Kinderzimmer gebracht. War das unbedingt nötig? Nein. War das unbedingt nötig? Doch. Ich wollte einfach gern mal wieder ein Wohnzimmer haben. Einen Raum, in dem ich mich wohl fühle. In dem ich mich bewegen kann. Denn das Kletterparadies nahm das komplette Wohnzimmer ein. Couchtisch, Nähtisch, alles nicht mehr erreichbar, weil es ja ach so schön für die Kinder ist. Ja, es war wirklich toll. Wie sie von oben runterspringen und ihnen das pure Glücksgefühl ins Gesicht geschrieben steht. Und ich? Bin ich nun gleichwertig oder nicht? Ich fühle mich in dieser Chaosbude längst nicht mehr wohl, weil ich nirgendwo Luft zum Atmen habe. War es da jetzt unbedingt nötig, nein zu sagen? Ja. Oder nicht?

„Unerzogen“ verstehe ich so, dass ich meinen Kindern eigentlich alles erlaube, immer mit der Frage verbunden: WTF spricht dagegen? Siehe oben. Coco mag gern alle Gesellschaftsspiele von Maple „spielen“. Kaum haben wir eines aufgebaut, will sie das nächste. Haben wir alle rausgeholt, müssen wir los, um Maple vom Kindergarten azuholen/es rechtzeitig zur Kinderärztin zu schaffen/zum Date mit jemand Liebem von Euch, egal. Oder schlafengehen. Fakt ist: Wenn nicht aufgeräumt wird, fliegt alles rum, und mit alles meine ich: alles. Würde unerzogen nicht bedeuten, sie einfach machen zu lassen?

Wenn ich Coco immer alles zu essen geben würde, was sie wollte, würde sie von morgens bis abends Schokolade essen. Doch, das ist so. Vielleicht hätte sie irgendwann keinen Bock mehr drauf, ja. Aber das ist MIR einfach zu viel, das ein halbes Jahr oder wer weiß wie lange mitzumachen. 

 

Doch, ich habe Erziehungsziele

Und dann ist da noch was. Ich habe Erziehungsziele. Als Unerzogene dürfte ich die ja nicht haben, denn Erziehung bedeutet ein Stück weit Lenkung, Formung, man könnte fast sagen: Manipulation. Um ein Ziel zu erreichen, also das Kind in seiner freien Entwicklung einzuschränken. Aber ja, ich habe Erziehungsziele: Ich möchte, dass meine Kinder sich richtig fühlen, so wie sie sind. Ich möchte sie auch zu sozialen Wesen erziehen, denen es nicht egal ist, wie es ihren Mitmenschen geht. Klar brauche ich dafür keine Aufräumregeln aufstellen. Das bekommen sie bestenfalls über das Verhalten ihrer Eltern mit.

Aber um meine Kinder einfach machen zu lassen, wie sie wollen, wie sie es als richtig empfinden, dafür fehlt mir schlicht die Kraft. Denn das geht auf meine Ressourcen, und zwar teils massiv. Und meine Ressourcen sind endlich, und auch ich habe ein Recht darauf, dass es mir gut geht, ebenso wie meine Kinder, Ich sage öfters; Wir müssen aufeinander hören, sonst funktioniert das hier nicht. Das ist für mich was anderes als „Hast Du mich verstanden?!“ Es geht darum: Wenn ich Ihre Bedürfnisse achte und sie meine, dann können wir gut miteinander leben. Stehen sich unsere Bedürfnisse gegenseitig im Weg oder schließen sich aus, dann müssen wir eine Lösung finden, die für uns alle tragbar ist, und das tun wir dann immer. Aber was ich nicht kann, ist sagen: Macht, wie ihr meint, und ich trage alles mit, egal was es mich kostet. Ich weiß nicht, wie Ihr Unerzogenen das macht – für mich ist das schlicht unerfüllbar. Dann bin ich auf dem Stand, auf dem ich nach zweieinhalb oder drei Jahren Maple-Geschichte war. 

Bei uns hat jede und jeder das Recht, Grenzen zu artikulieren: Mir ist das zu laut, zu hell, zu viel, ich brauche eine Pause. Und ich werbe in meiner Erziehung (s. o.) für Respekt gegenüber den Grenzen des anderen. Ich zeige Verständnis, und ich erwarte Verständnis. Das ist für mich Gleichwertigkeit. Ich tue sehr viel für die Kinder, was mich Kraft kostet. Und meine Kinder tun auch sehr viel, was sie Ktraft kostet, weil sie ihre eigenen Wünsche hintanstellen und mir helfen, dass wir loskommen/was zu essen haben usw. Klar, ich bin erwachsen und kann mich besser zusammenreißen und regulieren als meine Kinder. (Leider nicht.) Denn sie lernen es ja gerade erst. Trotzdem finde ich es zumutbar, ihnen den Satz zu vermitteln, an dem für mich viel Wahres dran ist: Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt. Das hat für mich nichts damit zu tun, von vornherein in Grenzen zu denken. Erst mal ist alles möglich. Bis da, wo jemand sein persönliches, von mir nicht zu bewertendes Ende der Kraft, der Integrität signalisiert. Und wenn er oder sie es signalisiert, bevor Holland in Not ist, hat das für mich eine Berechtigung und einen Wert. 

 

Und jetzt würde ich gerne wissen, wie Unerzogene das sehen. Wie achtet Ihr auf Euch und schafft es trotzdem, Eure Kinder unerzogen großzuziehen? Vielleicht könnten wir auch eine Blogparade daraus machen. Ich würde mich über Eure Sichtweisen freuen.

 

Eure Mo

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