Über die Grenzen. Ist Attachement Parenting überhaupt zu schaffen?

Natürlich sind Eltern und Baby eine Einheit. Geht es den Eltern schlecht, geht das auch am Kind nicht vorbei. Der oft behauptete Umkehrschluss trifft meines Erachtens noch lange nicht zu.

 

 

Der von mir hoch geschätzte, inzwischen leider verstorbene Entwicklungspsychologe und Kinderarzt Dr. Rüdiger Posth betont, dass es in der Entwicklung sehr wohl einen großen Unterschied macht, ob Eltern, deren Baby untröstlich ist, egal was sie tun, resignieren, weil es eben ohnehin keinen Unterschied macht, oder ob sie sich weiterhin alle Arme und Beine ausreißen, damit es ihrem warum auch immer untröstlichen Kind besser geht.

So war es bei uns. Wir konnten einfach nichts ausrichten, obwohl wir wirklich alles getan haben, um dem Kind ein geborgenes Leben zu ermöglichen. Die einzige Steigerungsmöglichkeit wäre gewesen, es per operativen Eingriff wieder zurück in den Bauch zu befördern (Achtung nicht ernst gemeint).

Alles, was in unserer Macht stand, taten wir. Nicht weil wir noch so viel Kapazitäten gehabt hätten. Die hatten wir schon lange nicht mehr. Sondern weil es schlicht nicht anders ging. Beispiel: Du bist völlig fertig. Sagen wir, Du steckst im Burnout, alle Muskeln versagen, alles schmerzt, Du hast ewig nicht mehr geschlafen. Da ist natürlich jede Grenze erreicht, und ich verstehe die, die sagen: Die Eltern müssen ihre eigene Kraft erhalten, damit sie dem Kind helfen können. Aber was ist, in der beschriebenen Situation, wenn man mit dem Kind einen Autounfall hat? Man kann noch so fertig sein, das Kind aus dem brennenden Wrack ziehen schaffst Du selbst dann noch. Weil es einfach höchste Priorität hat, weil es Alarmstufe rot ist. Da funktionierst Du. Da hast Du Adrenalin, so viel, wie Du brauchst, um zu funktionieren. Das ist ein absoluter Ausnahmezustand.

Und nun stell Dir vor, diese Situation Autounfall und Kind aus dem brennenden Wrack ziehen, dauert nicht zehn Minuten, sondern neun Monate. Dann kannst Du nicht sagen, es geht nicht mehr, ich muss erst Kraft sammeln, um dem Kind helfen zu können. Das Kind liegt eingequetscht, um Leben und Tod schreiend, im brennenden Wrack. Du handelst. Und Du handelst. Und Du handelst. Du hörst nicht auf. Die ganze Zeit nicht.

Nein, unser Kind hat nicht gebrannt. Aber die Situation war eine derartige Ausnahmesituation. Ich sage das bei vollem Bewusstsein und riskiere, dass manche die Augen verdrehen. Das Kind schrie vor Schmerzen den ganzen Tag. Da legst Du Dich nicht hin, da machst Du keine Pause. Sondern da bist Du für Dein Kind da, das gerade erst auf die Welt gekommen ist und dessen Grundbedürfnisse nach Unversehrtheit, Schmerzfreiheit und Schutz permanent massiv verletzt sind.

 

Mein zweites Kind ist anders

Es ist zwar auch ein Steinzeitbaby, ein High-Need-Kind, das wie das erste nur vorwärtsgerichtet auf dem Arm bei maximaler Nähe maximale Freiheit genießen möchte und schlecht zum Schlafen zu bekommen ist usw., aber es ist soweit gesund.

Es ist 14 Monate alt. Neulich hatte ich derart die Schnauze voll, dass ich ihm irgendwann beim unendlichen Schlafengehversuch gesagt hab, dass ich jetzt keinen Bock mehr hätte, hab es neben mir liegen, rumkrabblen, kratzen, beißen lasen usw., aber ich zog mich aus der Situation raus. Ich twitterte. Ich gewann inneren Abstand. Das, was viele sagen, was so unerlässlich ist.Ich hab auf mich geachtet. Ich ging in dem Moment vor, mein Bedürfnis nach Pause.

Irgendwie ist die Botschaft bei ihr angekommen. Irgendwann schlief sie dann ohne größere Zwischenfälle ein. Ja, so was geht. Mit 14 Monaten. Aber bei meinem ersten Baby, da wäre es einfach unvorstellbar gewesen. Weil man beim Autounfall nicht sagt, ich hab jetzt keinen Bock mehr, ich kann nicht mehr, ich bin auch noch da, ich muss auch auf mich und meine Bedürfnisse achten.

Und das ist mir wichtig. Ein Kind muss nicht vor Schmerzen durch die Hölle gehen und kann trotzdem so existenziell bedürftig sein, dass Bedürfnisse der Eltern schlicht und ergreifend nicht umzusetzen sind. Auch wenn es noch so wichtig wäre. Dr. Posth schreibt, ca. 5 Prozent der Babys haben ein „schwieriges Temperament“ – sie haben es, sie sind ein eigener Mensch. Und der Einfluss von entspannten Eltern, die entweder alles tun, um alle Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen, oder die so gut auf sich achten können, dass sie viel Kraft haben, dieser Einfluss ist begrenzt. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Eltern können nicht zaubern. Und Babys können nicht reflektieren.

Diese Ohnmacht steckt immer noch in mir drin, dieser Vorwurf, diese Unterstellung, ich hätte auch nur irgendwas an der Situation meiner ersten Tochter ändern können. Durch mehr Pausen für mich. Oder durch mehr Bedürfniserfüllung. Die einzigen, die etwas hätten ändern können, waren die Ärzte, aber die taten nichts. Erst Dr. Posth, den wir über Umwege erst viel zu spät gefunden haben.

 

Liebe Eltern!

Ich habe einen sehr subjektiven Ratschlag, nein Vorschlag für Euch:

Folgt Eurem Gefühl. Tut alles für Euer Baby. Und tut möglichst viel für Euch.

Und dieses „möglichst“, das könnt nur Ihr bewerten.

 

Eure Mo

 

Der Beitrag ist Teil der Blogparade Eltern in der (Auf)Opferungsrolle bei Frau Chamailion

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