Die 12 Kriterien für High Need Babys und Kinder nach Dr. William Sears

Immer, wenn dieses High Need Thema aufkommt, dann werden die kritischen Stimmen laut. Babys seien halt anstrengend, das sei doch total furchtbar von mir, da einen Stempel aufzudrücken. In diesem Beitrag setze ich mich mit den 12 Kriterien für High Need Kinder auseinander und vergleiche meine beiden Mädchen - beide sehr anstrengend, aber nur eine empfinde ich als High Need.
 
 
 
 
 

Vorwort - es ist immer Vorsicht geboten mit Etiketten wie "High Need"

Ganz wichtig ist mir, zu betonen, dass ich ganz sicher niemals etwas vorschnell beurteilen würde oder möchte. Nicht jedes Baby, das die ersten Wochen viel weint, ist ein Schreibaby oder ein High Need Baby. Man muss und sollte immer sehr vorsichtig mit solchen Begriffen umgehen, um die Kinder nicht zu stigmatisieren oder andere Möglichkeiten wie körperliche Ursachen auszuschließen. Lieber fünf Mal untersuchen und genau die Fakten prüfen.
 
ABER! Es ist meines Erachtens genauso schädlich, den Eltern, die wirklich alles versucht haben, nicht zu glauben, ihre Erfahrungen unter den Teppich zu kehren, abzuwinken. Manche Kinder sind wirklich anders als andere - und da trägt man nicht zwangsläufig die Schuld daran. Diese Kinder werden mit einem anderen Temperament geboren. Das ist keine Behinderung oder abnormal, aber sie sind einfach nicht so "pflegeleicht", und das sollte auch anerkannt werden.
 

 

Die 12 Kriterien nach Dr. William Sears - und im Kurzvergleich meine zwei Kinder 

Wer die Kriterien gern im Original nachlesen möchte, den verweise ich an dieser Stelle auf das englische Original: 12 Features Of A High Need Baby (Ask Dr. Sears). Mein Artikel ist ausdrücklich kein Fachartikel, sondern der einer Mutter mit (vermeintlichem) High Need Kind. Er ist deshalb natürlich subjektiv geschrieben und ich erhebe keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit. Meine große Tochter bezeichne ich als "High Need Kind", die kleine als "Steinzeit Kind" - weil sie sozusagen evolutionäre Bedürfnisse hat (immer am Körper getragen werden etc.) und deshalb ebenfalls zu den "anstrengenderen" Kindern gehört. Deshalb kann ich sie wunderbar miteinander vergleichen und sozusagen aus meiner Sicht zeigen, wieso es anstrengende Kinder gibt und wieso manche noch einen drauf setzen und vor allem, wie.
 

1. "Intense" / Intensiv

Schon direkt nach der Geburt unterscheiden sich diese Babys von anderen - oft sagt die Krankenschwester auf der Säuglingsstation schon, dass es anstrengender sei als andere. Das Baby schreit existentieller, lauter, fordernder und lässt sich nur schwer beruhigen - meist nur durch die Mutter. Dr. Sears schreibt "they feel so deeply" - ihre Gefühle scheinen intensiver durchlebt zu werden, weshalb sie intensiver darauf reagieren, wenn es ihnen an etwas fehlt. Auch als Kleinkind sind diese Kinder "intensiver" als Altersgenossen, sie scheinen getrieben und möchten ständig explorieren, nichts ist vor ihnen sicher. Sie halten ihre Eltern mehr auf Trab als andere Kinder im gleichen Alter.
 
Mein High Need Baby Peanut schrie von Anfang an markerschütternd, und schien sich sehr schwer zu beruhigen. Ich war oft total hilflos angesichts ihrer Schreiattacken. Sie hatte aber keine Bauchschmerzen, die das verursachten. Der Kinderarzt belächelte mich. Babys schreien nun mal. Sie war schnell überreizt und schrie nach einem Besuch oft stundenlang. Eine Freundin von mir sagt bis heute oft, dass Peanut alle Gefühle und Phasen intensiver zu erleben scheint als andere Kinder, denn sie leidet stärker, scheint oft verzweifelter, aber auch die positiven Gefühle sind oft überschäumend. Man denkt oft, es wäre ein Leben am Limit.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea hatte von Anfang an eine sehr laute Stimme, die Hebamme musste lachen bei der U - Untersuchung. Dieses Kind weiß sich zu wehren. Sie hatte die ersten drei Monate starke Bauchschmerzen und ich musste sie ihre gesamte Wachphase am Körper tragen und schuckeln, meist saß ich deshalb auf dem Pezzi Ball. Dafür schlief sie nachts ganz gut - oft auf mir, aber auch mal neben mir. Der Kinderarzt schrieb ins U - Heft übrigens "Regulationsstörung", aber geholfen hat auch er nicht. Aushalten scheint die Devise zu sein. Als die Schmerzen besser wurden, konnte ich sie auch mal ablegen. Alleine schlafen ging auch bei ihr nicht, aber ich konnte durchaus mal kurz das Sichtfeld verlassen. Sie entwickelte sich zu einem zufriedenen, glücklichen Baby und Krabbelkind. So lange sie irgendwie dabei sein konnte, war sie happy.
 
 

2. "Hyperaktive" / Hyperactiv

Muskeln und Verstand des High Need Babys scheinen nie wirklich still stehen zu können, sind immer "ready to go". Meist möchten diese Babys nicht gern gewickelt oder angezogen werden. Die meisten Babys, auch High Need Babys, werden gern gepuckt oder am Körper getragen, es gibt aber auch die extremeren Fälle, die das gar nicht mögen oder generell eher wenig Körperkontakt wollen. Sie versteifen sich, wenn man sie hoch nehme möchte oder verwandeln das Stillen in eine Gymnastikstunde. Mit hyperaktiv soll hierbei aber keine negative Zuschreibung gemacht werden - die meisten Kleinkinder sind sehr aktiv; eine "ADHS" Diagnose ist hier fehl am Platz. Es ist von Dr. Sears nicht als Störung, sondern als Beschreibung gemeint.
 
Mein High Need Baby Peanut  war sehr kuschlig - wenn sie schlief. Ich kuschelte dann alles nach, was ich an Bedürfnis nachzuholen hatte. Denn sie war und ist bis heute kein richtiges "Kuschelkind". Körperkontakt mag sie am Liebsten in Form von gemeinsamem Turnen oder Kitzeln. Ihr eigenes Bedürfnis nach Nähe schien allein durch das Stillen befriedigt zu werden - oder eben durch die Tatsache, dass sie immer auf dem Arm sein wollte, ihrer "Safe Zone". Anziehen war als Baby ein Riesenproblem, das mich oft ins Schwitzen brachte, denn sie brüllte, als ob ich sie foltern würde. Ich bin deshalb oft nicht vor die Tür gekommen, weil ich ihr Geschrei nicht aushielt. Sie ist durchaus sehr quirlig und fordert viel Beschäftigung, eine hyperaktive Beschreibung würde ich ihr aber nicht geben, denn sie kann sich auch gut ruhig beschäftigen, solange es sie interessiert. Was auffällt: sie hat eine sehr geringe Toleranzgrenze und "flippt schnell aus".
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  ist ein richtiges "Kuschelbaby" gewesen und hat sich früh mit dem Köpfchen an mich geschmiegt. Auch jetzt braucht sie viel Nähe und kuschelt auch sehr gern mit anderen Bezugspersonen. Dank ihr merke ich, wie anders Peanut war und ist. Abgesehen von den drei Schmerzmonaten war sie deutlich ruhiger und einfacher zu beschäftigen. Sie konnte sich schnell mit Knistermaterialien eine Weile beschäftigen, und im Vergleich zur Schwester kam sie mir total easy zu händeln vor. Sie wirkt auch deutlich geduldiger und "in sich ruhender".
 

 

3. "Draining" / Energie - saugend (frei übersetzt)

High Need Babys entziehen ihren Eltern sämtliche Energie - und wollen immer mehr. Sie scheinen regelrecht unersättlich. Kennt ihr die Entwicklungsschübe oder Phasen? Bei High Need Babys ist das an der Tagesordnung. Dr. Sears empfiehlt, so viel an positiver Zuschreibung zu machen, wie möglich - denn es geht an die Substanz. "Babies take the fuel they need from you without considering whether they leave anything behind in mother’s gas tank. " (Dr. Sears) Man hat das Gefühl, sie permanent auf dem Arm zu haben, permanent am Busen, keinerlei Energie oder Raum für sich selbst übrig. Man ist fast ausschließlich für das Baby da und bekommt sonst nichts auf die Reihe.
 
Mein High Need Baby Peanut  saugte mich definitiv aus, wörtlich und im übertragenen Sinn. Sie hing sowohl wach als auch schlafend nur am Busen, und ich konnte nicht mal aufstehen, um auf die Toilette zu gehen. (Mit etwas Handling kriegt man das auch mit Baby am Busen hin, by the way.) Ich führte total fremdbestimmt das Leben meines Babys, und niemand verstand so wirklich, wieso ich mich nicht mal kurz vom Baby "lösen" konnte. 
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  war kein Dauernuckler, sondern trank, und dann war sie fertig. Ich war echt baff - so kurz konnte das auch sein? Wie praktisch. Sie war in sofern ein Steinzeit Baby, als dass sie immer auf dem Arm sein wollte, aber in ihrer Tragehilfe war sie immer glücklich und ausgeglichen. Ich nahm sie eher als kleinen Symbionten wahr, aber nicht als Masterbrain, dem ich mich zu fügen hatte.
 
 

4. "Feeds frequently" / Häufiges Füttern

Beim Stillen oder Fläschchen geben geht es nicht nur um das Sattmachen, sondern es ist auch eine Möglichkeit, Nähe zu geben, zu Beruhigen, zu Trösten. Studien zeigen, dass Kinder, die nach Bedarf gestillt / gefüttert werden, glücklicher und ausgeglichener sind als die, die sich einem kontrollierten Zeitplan anpassen müssen. In unserer westlichen Kultur haben es Mütter schwerer, mit High Need Baby einen Lifestyle zu finden, mit dem sie und das Kind gut leben können, denn hier wird ein "primitiver Stil der Mutterschaft" gefragt. High Need Babys können nicht nach Stundenplan gefüttert werden, denn sie fordern das Füttern sehr schnell auch zu anderen Zwecken ein, wissen, dass sie so schneller beruhigt werden und Zuwendung bekommen können.
 
Leider muss man bei Flaschenkindern etwas aufpassen mit dem Zufüttern, da die Kinder sonst zu viel zunehmen, also sind hierbei andere Wege gefragt. Stillende Mütter kennen es indes, dass ihr Kind gefühlt den ganzen Tag an der Brust nuckeln möchte. Sears sagt dazu "Yes, you will feel like a human pacifier, because you are. Yet, consider that “pacifier” means “peacemaker." ("Sie fühlen sich wie ein menschlicher Schnuller, weil Sie es sind. Aber stellen Sie sich vor, "Schnuller" bedeutet "Friedensstifter".) Diese Kinder sind logischerweise sehr schwierig abzustillen, da sie wissen, dass sie etwas ganz Großartiges aufgeben müssen.
 
Mein High Need Baby Peanut  war, wie schon im oberen Abschnitt beschrieben, ein echtes Dauerstillkind. An manchen Tagen wusste ich nicht, wie ich vor die Tür oder zumindest vom Sofa kommen soll, da sie unentwegt brüllte, wenn ich sie abdocken wollte. Auch zu anderen Situationen ließ sie sich nur durch Stillen beruhigen - in jeder Situation, die ihr Stress verursachte, wollte sie sofort Nuckeln, was manchmal sehr peinlich werden konnte. Außerdem wollte sie sehr spät erst richtig essen, weil sie das Stillen nicht reduzieren mochte. Sie ist ein echtes Langzeitstillkind.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  trank am Busen, um sich zu sättigen. Ansonsten ist sie sehr gut auf dem Arm zu beruhigen gewesen und wollte auch gar nicht so oft Nuckeln. Manchmal bot ich ihr es aus Gewohnheit an und war überrascht, dass die "Geheimwaffe" nicht zog. Deshalb brüllte sie unterm Strich sogar etwas mehr als Peanut. Dafür steckte sie viele Situationen besser weg. Wenn es ihr zu viel war, kuschelte sie sich an mich - etwas, das ich vorher nicht in dem Maß kannte. Dieses Kind kuschelt gern und viel! Sie wird auch lange gestillt und im Kleinkindalter hat es natürlich auch oft mehr den emotionalen Faktor, aber dennoch ist es nicht so intensiv wie bei der großen Schwester.
 
 

5. "Demanding" / Anspruchsvoll

High Need Babys wollen nicht nur ständig gestillt und gehalten werden, sie verlangen auch lautstark danach. Dieses Verhalten gibt den Eltern mehr als alles andere das Gefühl, kontrolliert und manipuliert zu werden. Man hat das Gefühl, es kann dem Baby einfach nicht schnell genug gehen. Man kann sogar so weit gehen und sagen, sie können nicht warten und sie akzeptieren keine Alternativen. Wer das Kind, das gestillt werden will, mit einer Rassel ablenken möchte, wird mit lautem Gebrüll darauf hingewiesen, dass es die Bedürfnisse falsch verstanden hat. Ein Erlernen vom Aufschub des Bedürfnisses wird bei diesen Babys nicht möglich sein, erst wenn es selbst so weit ist.
 
Es ist für Eltern leichter, mit diesem fordernden Verhalten umzugehen, wenn man die Hintergründe versteht. Angenommen, ein Baby hätte hohe Bedürfnisse, könnte sich aber nicht durchsetzen - das Kind würde nicht richtig "gedeihen". Es ist also für diese Kinder wirklich überlebenswichtig. Wenn das Baby zu einem High Need Kleinkind und Kind heranwächst, muss man ihm beibringen, auch die Bedürfnisse anderer zu erkennen und zu achten, was schwieriger sein kann als bei anderen. Das liegt daran, dass sie selbst so starke Bedürfnisse haben - nicht, weil sie es nicht können oder wollen. Wenn man dieser Aufgabe nicht nachkommt, kann sich so ein Kind zu einer "kontrollierenden Persönlichkeit" entwickeln.
 
Mein High Need Baby Peanut  war ganz genau so, wie hier beschrieben und ist es teilweise immer noch. Als sie ein Baby war, hatte ich ein extremes Gefühl von Fremdsteuerung - es ging nur so, wie sie wollte, und nicht anders. Andere Personen haben mich nicht verstanden und forderten, ich solle mich "durchsetzen" - aber wie, wenn das Kind im wahrsten Sinne des Wortes existentiell schreit? Peanut entwickelte sich im eigenen Tempo und manches ging erst zu einem späteren Zeitpunkt, aber wenn man das akzeptiert und ihr vertraut, kommen alle Entwicklungsschritte nach und nach.
 
Auch zum Thema "Bedürfnisse anderer" haben wir Eltern oft das Gefühl gehabt, dass es ihr schwer fällt, und es ist manchmal beunruhigend gewesen, zu sehen. Aber so zwischen 3 und 4 wurde es immer einfacher; sie ist sehr empathisch und mitfühlend. So lange sie nicht gerade explodiert. 
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  ist als zweites Kind ohnehin damit aufgewachsen, auch mal warten zu müssen und kam einigermaßen damit zurecht. Sie ist allerdings auch mit einem lauten Organ gesegnet und kann sich zur Not schon erkennbar machen - allerdings hält sie vieles wirklich besser aus und kann sich auch mal ablenken lassen. Wenn das nicht mehr geht, ist sie definitiv müde oder es geht ihr anderweitig richtig schlecht.
 
 

6. "Awakens frequently" / Erwacht häufig

High Need Babys brauchen von allem mehr. Außer vom Schlaf. Man kann diese Kinder nicht umerziehen oder sie zu mehr Schlaf zwingen, sie benötigen es einfach nicht. Warum genau das so ist, hat Dr. Sears in einem extra Artikel beschrieben. Kurz zusammengefasst liegt es unter anderem an ihrem Temperament - es ist, als hätten sie mehr Energie und könnten das auch nachts schlechter abschalten. Außerdem haben sie eine andere Reizbarriere - sie werden leichter überreizt und können nicht nur schlechter ein- sondern auch schlechter durchschlafen. Sie Übergänge besser; zum Beispiel wenn man sie schlafend woanders ablegt.
 
Zudem haben sie eine andere Schlaf - Reife als andere Kinder. Dr. Sears vermutet, dass sie mehr Zeit im tiefen REM schlaf verbringen und deshalb insgesamt weniger benötigen. Auch benötigen die High Need Babys (und Kinder) ein Mehr an körperlichem Kontakt in der Nacht, um sich sicher zu fühlen.
 
Mein High Need Baby Peanut  war was Schlafen anging schon immer eine Katastrophe. Die ersten Monate ging Schlafen nur häppchenweise. Im ersten Jahr wachte sie öfters schreiend auf, sodass meine Alarmhormone mich ebenfalls hellwach werden ließen. Gefühlt verbrachte ich die Nacht entweder mit ihr herumlaufend oder mit ihr am Busen. Auch als Kleinkind brauchte sie Körperkontakt. Eine ganz schlimme Phase war, als sie die Nacht zum Tag machte und nachts einfach so stundenlang wach war. Mittlerweile ist es nachts besser, allerdings schläft sie ganz schlecht ein, man merkt regelrecht, dass sie nicht abschalten kann und ihr Gehirn noch mal so richtig aufdreht.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  schlief von Anfang an deutlich besser. Tagsüber brüllte sie viel, nachts schlief sie einigermaßen durch (mit Stillpausen). So hatte sie von Anfang ein einen halbwegs klaren Rhythmus. Richtig aufwachen und brüllen passiert nur, wenn sie krank ist oder Schmerzen hat. Schlecht schlafen kann sie auch mal bei Überreizung, das ist bei Besuch oder Urlaub der Fall. Jetzt, mit 18 Monaten, merkt man auch, dass sie deutlich schlechter einschläft und auch Mama einfordert, vorher ging das auch mit Papa. Körperkontakt zum Ein- und Durchschlafen braucht sie aber in jedem Fall weiterhin.
 
 

7. "Unsatisfied" / Unzufrieden

High Need Babys scheinen nie zufrieden zu sein, egal was man macht - als Eltern fühlt man sich oft, als wäre es die eigene Schuld, was aber nicht so ist. Es gibt einfach Tage, an denen alles Programm, das man sich ausdenkt, egal, wie sehr man an seine Grenzen geht, nicht funktioniert. Dr. Sears sagt, es wäre einfach Teil der Persönlichkeit des Babys und man dürfe es nicht persönlich nehmen. "Meanwhile, keep experimenting with one comforting tool after another, and you will eventually discover one that works – – at least for that day." 
 
Mein High Need Baby Peanut  war wirklich oft unzufrieden, vor allem gegen Mitte / Ende des Tages, wenn es überreizt war (auch wenn wir nichts unternommen haben). Oft gab es dann nur noch Gebrüll und nichts half - ich weiß noch, wie ich an einem späten Abend sie in allen Positionen durchschuckelte und dann irgendeine total skurrile funktionierte dann, sie schlief ein. Und ich musste mich dann so ins Bett setzen. Crazy. Auch als Kleinkind und größeres Kind wirkt sie oft mißmutig und reagiert schnell mit Geschrei. Das sind so richtige Badass - Tage; manchmal hilft essen oder kuscheln, meist auch einfach nichts.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  hatte die ersten Monate Schmerzen und brüllte deswegen, ansonsten kam sie mir immer wie ein kleiner Sonnenschein vor. Auch andere meinten, sie würde so "in sich ruhen". Den lieben, ruhigen Charakter hat sie auch immer noch, allerdings kommen jetzt der (coole) Dickschädel und die (weniger coole) Trotzphase hinzu. 
 
 

8. "Unpredictable" / Unberechenbar

Genau, wenn man denkt, man hätte verstanden, was das Baby braucht, hilft das schon wieder nicht mehr. Das kann sehr frustrierend sein, und man fragt sich permanent, was man eigentlich falsch macht. Zu der Unberechenbarkeit kommen auch extreme Emotionen, bei denen es oft keine erkennbaren Übergänge gibt - sehr wütend und sehr glücklich wechseln sich ab. Und so sind die Tage mit High Need Kind sehr unberechenbar. Alles kann gut gehen, oder es wird eine totale Katastrophe.
 
Aber die positive Seite: es wird nie langweilig und diese Kinder fordern die ganze Familie zu einem Umdenken und lassen auch eine gewisse Kreativität entstehen. Dr. Sears sagt, sein High Need Baby habe die ganze Familie dazu gebracht, sich in mehreren Bereichen weiter zu entwickeln und neue Wege zu entdecken.
 
Mein High Need Baby Peanut  hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Genau diesen Punkt kann ich sowas von unterschreiben. Bis heute ist sie manchmal wie Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. Wenn sie gute Laune hat, ist sie das niedlichste, schlauste, liebevollste Kind des Universums - und manchmal knallt sie so durch, dass sie an eine Besessene erinnert. Dass ich mich ihr so anpassen musste, führte dazu, dass ich zum Bloggen kam, um Gleichgesinnte zu finden und diese verrückten Storys (vor allem die über das Umfeld) zu erzählen. Und das Schreiben ist wiederum etwas, das ich sehr liebe - und mittlerweile zu einer Berufung geworden. Was wäre ich ohne Peanut? Nicht hier, definitiv.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  wirkt in ihrer ganzen Persönlichkeit ausgeglichener. Klar, sie ist auch anstrengend und fordert mich auf eine andere Weise. Sie ist zum Beispiel sehr lebendig und neugierig und man muss ständig schauen, dass sie keinen Unfug anstellt oder abhaut, da hin, wo es gefährlich ist. Aber unberechenbar? Nein! Sie scheint genau zu wissen, was sie will, und hat auch meist gute Laune und ist sehr gutmütig in allen Belangen.
 
 

9. "Super - Sensitive" / Sehr sensibel oder empfindlich

High Need Babys werden schnell von der Umwelt beeinflusst und sind auch schnell überstimuliert und protestieren lautstark. Am besten geht es ihnen, wenn sie so wenig Veränderung wie möglich erfahren. Sie erschrecken sich schnell tagsüber und reagieren dann mit schlechterem Nachtschlaf.
 
Für die späteren Jahre kann das allerdings auch ein Vorteil sein, denn durch die leichtere Stimulationsfähigkeit des Bewusstseins sind sie generell neugieriger und lernen schneller. Durch die Empfindlichkeit sind sie empathischer und interessieren sich mehr für die Belange ihrer Mitmenschen. Sie lernen, ihr Verhalten zu überdenken und dessen Auswirkung auf die Gefühle anderer  und entwickeln auch eine größere Selbstdisziplin. Für die Eltern liegt ein weiterer Vorteil auf der Hand: die Kinder melden sich, wenn es ihnen nicht gut geht und behalten ihre Probleme nicht für sich.
 
Mein High Need Baby Peanut  war von Anfang an anders als andere - schnell überreizt, von allem überfordert. Jeden Besuch mussten wir mit langem Geschrei und einer furchtbaren Nacht "bezahlen". Viele Dinge wie längere Autofahrten gingen einfach nicht. Auffällig war auch, dass sie sehr empfindlich bei lauten Geräuschen war (sie hatte panische Angst vor dem Mixer oder dem Laubbläser) und manche Kleidungsstücke konnte sie nicht tragen, weil sie "kratzen", das ist bis heute so. Geräuschempfindlich ist sie noch, aber dadurch, dass sie es besser versteht, hat die Angst nachgelassen.
 
Sie ist auch schon als Baby sehr empathisch gewesen und auch heute ist sie super liebevoll und verständnisvoll gegenüber Tieren und anderen Kindern. Und wenn es ihr nicht gut geht, meldet sie sich nach wie vor überdeutlich - mit lautem Schreien, Klammern und mittlerweile erklärt sie auch ganz gut, was sie stört.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  wurde viel getragen. In ihrer Tragehilfe ging es gut und sie konnte viele äußeren Reize gut verarbeiten. War es mal zu viel, dann hat auch sie viel gebrüllt und schlechter geschlafen. Autofahren zum Beispiel hasste auch sie, darauf mussten wir verzichten. Laute Geräusche findet sie eher spannend, und wenn ihre Schwester weint, fragt sie zwar, leidet aber nicht mit. (Könnte aber auch der Gewöhnungseffekt sein.) Sie wirkt insgesamt robuster und auf ihre Art auch durchsetzungsfähig, lässt aber mehr mit sich machen.
 
 

10. "Can't put baby down" / Das Baby lässt sich nicht ablegen

High Need Babys sehnen sich nach körperlicher Nähe und suchen gezielt Hautkontakt, kuscheln sich in die Armbeuge, an den Hals und natürlich den Busen. Aber das Halten an sich ist nicht genug; am besten ist es, wenn die Bezugsperson dabei in Bewegung bleibt. Hinsetzen ist schwierig, außer, man bewegt sich auch dabei irgendwie. Das ist für Eltern schwierig, die ein Baby erwartet haben, das im Stubenwagen liegen bleibt oder sich generell ablegen lässt - die Wiege des High Need Babys ist und bleibt der elterliche Körper.
 
Einige High Need Babys sind sehr kuschelbedürftig, andere mögen das überhaupt nicht. Das liegt möglicherweise daran, dass sie so überempfindlich / -sensibel sind. In einigen Fällen müssen die Babys sogar Berührungen gegenüber "desensibilisiert" werden. Das sind die schwierigsten High Need Babys, denn sie benötigen andere Beruhigungsstrategien. Für Eltern kann es sehr schwierig sein, das nicht persönlich zu nehmen.
 
Mein High Need Baby Peanut  war wirklich extrem und lebte monatelang nur auf dem Arm. Mit etwa drei Monaten konnte man sie kurz (!) auf den Boden legen, wenn man neben dran sitzen blieb. Bis über das erste Jahr hinaus wollte sie permanent auf dem Arm sein und hatte auch eher wenig Interesse, die Umwelt zu erforschen. Einfache Dinge wie Zähne putzen und Brot schmieren wurden zu sportlichen Meisterleistungen, weil alles mit Baby auf dem Arm erledigt werden musste. Kuscheln hingegen wollte sie nicht - ihr schien das lange Stillen und das Auf - Dem - Arm - Sein zu genügen. Erst ab etwa 2,5 Jahren kuschelte sie, aber nur, wenn sie es einforderte. Auch jetzt mit 4 möchte sie oft nicht angefasst werden - kitzeln hingegen geht und ist unser Ice Breaker.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  war wie schon erwähnt ein richtiges Tragebaby und wollte permanent bei mir sein. Nachdem die Bauchschmerzen besser wurden, war sie zeitweise auch ganz glücklich, auf ihrer Decke zu liegen und konnte sich einige Minuten mit Spielzeug beschäftigen - bei Peanut völlig undenkbar. Sie war und ist ein absolutes Kuschelkind und tankt regelrecht auf zwischendrin. Sie exploriert gern und wenn sie nicht gerade einen Schub oder eine Fremdelphase hat, ist sie durchaus ein Kind, das gerne abhaut und die Grenzen testet.
 

 

11. "Not a self - soother" / Kein Selbstberuhiger, schläft nicht allein

Eltern erwarten oft, dass ihre Kinder allein einschlafen können, vielleicht mit Hilfe eines passenden Tools. High Need Babys wollen die Interaktion mit Menschen, nicht mit Gegenständen. Und vor allem brauchen sie die Hilfe ihrer Eltern, um einschlafen zu können. Erfahren sie dabei zuverlässige Unterstützung, lernen sie so die Fähigkeit des Selbst - Beruhigens für ihr späteres Leben. In den Schlaf weinen ist kein (guter) Weg, Entspannung zu erlernen. Anfangs ist es anstrengend, dass High Need Kinder keine Gegenstände wie Schnuller oder Kuscheltiere wollen, sondern die Eltern einfordern, später wird es aber ein Vorteil sein, denn die Kinder werden ein besseres Verständnis für zwischenmenschliche Beziehungen haben.
 
Mein High Need Baby Peanut  musste die ersten Monate in den Schlaf getragen werden, später half das Einschlaf - Stillen. Aber immer in Begleitung. Kuscheltiere oder anderes hatte nie eine Bedeutung für sie - phasenweise kam mal ein Lieblingskuscheltier mit, aber es war nie von Dauer oder gar als Ersatz für mich möglich (leider auch der Papa nicht). Bis heute kann sie sich schwer beruhigen abends und muss sich in absoluter Sicherheit fühlen (dass ich bei ihr bleibe und nicht wieder aufstehe). Auch bei Wutanfällen kann sie sich nicht gut allein beruhigen, und Weinen - Lassen kann bei ihr auch locker eine Stunde dauern.
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  gewöhnte sich Bauchweh - bedingt an das Einschlafen durch Schuckeln auf dem Pezzi Ball. Dann konnte man sie auch ablegen, musste aber dabei bleiben. Auch jetzt wacht sie alle 20, 30 Minuten auf und wenn ich nicht da bin, weint sie. Mittags muss ich deshalb bei ihr bleiben. Auch sie möchte keinen Schnuller oder Kuscheltier. Dafür kann sie meistens auch vom Papa zum Schlafen gebracht werden. Bei mir geht mittlerweile auch das Einschlaf - Stillen.
 

 

12. "Separation Sensitive" / Trennungsängstlich

"The song “Only You,” could be the theme of most high need babies." Andere Bezugspersonen werden nur schwer akzeptiert; meist hängen sie an der Hauptbezugsperson und werden schwer warm mit anderen. Für die Eltern wird es da schwierig, denn meist wird kein anderer Babysitter akzeptiert. Aus Sicht des Kindes sind sie und die Mutter keine verschiedenen Personen, sondern Teil voneinander. Ohne Mutter (oder Hauptbezugsperson) fühlen sie sich deshalb unsicher und nicht vollständig.
 
Es wäre total falsch, das als "Trennungsangst" zu bezeichnen, denn für diese kleinen Menschen ist es total normal, denjenigen bei sich haben zu wollen, den sie brauchen. Auch "Soziale Angst" ist Erwachsenen - Jargon und davon geprägt, dass von Kindern erwartet wird, selbstständig zu sein. Dieses "ängstliche Verhalten" ist aber absolut normal und entspringt völlig normalen Bedürfnissen (von allen Kindern). Interessanterweise haben Mütter, die Attachment Parenting leben, ihrerseits stärkere Trennungsängste als Mütter, die nicht so eng mit ihrem Baby leben - wenn also eine Mutter diese normalen Gefühle hat, wieso dürfen Babys und Kinder sie nicht erst recht haben? 
 
High Need Babys können durchaus Beziehungen zu anderen aufbauen, allerdings suchen sie gezielt, wer ihre Bedürfnisse erfüllen kann und protestieren laut gegen die, die nicht so sensibel mit ihnen umgehen. Diese Form der "Trennungsängstlichkeit" zeigt, dass diese Kinder eine starke, sichere Bindung haben - sonst würden sie deren Verlust nicht so stark fühlen. Das wiederum ist der Vorläufer einer starken erwachsenen Beziehung.
 
Das "Entwöhnen" des Kindes kann hier auf andere Ebenen übertragen werden, nicht nur auf das Stillen bezogen. Andere Beziehungen können wachsen, angefangen beim Vater, liebevollen Großeltern, einer lieben Freundin der Mutter. Spätestens wenn ein Geschwisterkind kommt, wird es möglich, weil es nicht anders geht. Bei Dr. Sears' Kindern war übrigens die Altersgrenze bei 3,5 - ab diesem Alter konnten sie bei anderen bleiben. 
 
Mein High Need Baby Peanut  war absolut auf mich fixiert, was Einschlafen und Trösten anging, ansonsten blieb sie von Anfang an gut bei ihrem Papa. Als ich arbeiten ging, als sie 1 war, konnte ich sie bei ihrer Oma lassen - wir haben sie über Monate hinweg sehr sanft eingewöhnt und ließen sie dann zuhause betreuen. Das war sehr stressig für sie, aber es ging. Besser war es natürlich, als ich dann nicht mehr arbeiten gehen musste weil ich in Mutterschutz war.
 
Je weniger ich mich um sie kümmern konnte, desto mehr sprang der Papa ein und irgendwann waren sie ein richtiges Dream Team. Heute geht sie gern mal ein paar Stunden zur Oma oder zu ihrer Freundin. Kindergarten ging nicht, das lag aber meines Erachtens daran, dass ihr keine sichere Beziehung angeboten wurde. Nachdem ich den Text von Dr. Sears gelesen habe, bin ich mir dessen sogar sicher. 
 
Mein Steinzeit Baby Little Pea  war ein absolutes Mama - Kind und schrie, sobald der Papa sie auf dem Arm hatte. Erst nach mehreren Wochen ging das etwas besser. Auch andere Personen hatten es schwer. Mit etwa einem halben Jahr begann mein kleiner Sonennschein aber, zu krabbeln, und somit erforschte sie auch liebend gern andere Menschen. Wenn sie ihr sympathisch waren, konnte sie auch gut mit ihnen spielen, ohne danach total gestresst zu brüllen. Bei der Oma bleibt sie auch mal, ohne dass ich sie länger eingewöhnt habe, allerdings haben wir die Trennung noch nicht über einen konstanten Zeitraum getestet.
 

 

 
 

Mein Fazit als Mama eines High Need und eines Steinzeit Kindes

Während ich diesen Text schrieb und mich intensiv mit Dr. Sears in Bezug auf meine Mädchen auseinander setzte, machte es mehrfach "Klick". Ich verstand meine Große umso besser, je mehr ich las. Und auch die Kleine erfüllt ja einige Merkmale von High Need Kindern, aber eben nicht alle - deshalb halte ich den Begriff "Steinzeit Kind" für angebracht. Damit gemeint ist lediglich, dass sie evolutionär sinnvolles Verhalten zeigt (wie zum Beispiel nur in Mamas Nähe zu schlafen, es könnten ja Säbelzahntiger kommen).
 
Oft wird die Begrifflichkeit "High Need" kritisiert, aber meiner Meinung nach kann das nicht von Eltern kommen, die selbst ein solches Kind haben. Es ist nämlich definitiv anders - und das sage ich, die zwei anspruchsvolle Kinder hat. High Need sollte nicht als Störung empfunden werden, und das ist es natürlich auch nicht, denn es ist angeboren. Es ist ein anderes Temperament, und als das sollte es auch aufgefasst werden. Leider passen High Need Kinder nicht so gut in unsere Gesellschaft, oder sollte ich Kultur sagen - und da werden wir als Eltern gefragt, sie zu schützen und ihre Bedürfnisse zu sichern.
 
Ich werde auf jeden Fall weiter zu diesem Thema lesen und Blogbeiträge für euch schreiben und auch die von anderen Autoren empfehlen. Wenn ihr mir welche empfehlen möchtet, schreibt sie doch gern in die Kommentare. Außerdem gibt es Gastbeiträge von anderen High Need Kind - Eltern. Lasst uns zusammen diese Reise mit unseren Kindern machen.
 
Love & peace, 
eure Frida
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